Die Entfernung des Heinrich-Heine-Denkmals

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Mit Schreiben vom 10. April 1933 bat der zum hessischen Staatspräsidenten und Minister für Kultus- und Bildungswesen beförderte Altvölkische Ferdinand Werner den zum Frankfurter kommissarischen Oberbürgermeister beförderten Altnationalsozialisten Friedrich Krebs: „Beseitigen Sie, bitte, das Heine-Denkmal, gegen dessen Frankfurter Erstellung ich in stürmischen Versammlungen vor zwanzig Jahren vergebens kämpfte.“

Das Heinrich-Heine-Denkmal in der Friedberger Anlage am Tage seiner Enthüllung, Fotografie 1913


In der Nacht vom 26. auf den 27. April wurde das Denkmal vom Sockel gestürzt. Krebs teilte Werner die Tat mit, ohne Täter oder Veranlasser zu erwähnen. Seine Mitteilung, die Figur sei im Keller des Völkerkundemuseums eingelagert worden, war sachlich falsch. Er verwechselte das Heinrich-Heine-Denkmal mit dem ebenfalls im April 1933 entfernten Friedrich-Ebert-Denkmal. Bis zur Neuaufstellung des Heinrich-Heine-Denkmals 1947 stand es unter der Bezeichnung „Frühlingslied“ im Garten des Städel. Die Mutation vom Denkmal zur Gartenplastik war kein heimlicher Widerstand des Museums. Die Nationalsozialisten störte die Ehrung Heinrich Heines, für den 1913 gegenüber der Synagoge der Israelitischen Gemeinde das erste öffentliche Denkmal in Deutschland eingeweiht worden war. Die Plastik Georg Kolbes entsprach durchaus nationalsozialistischem Kunstgeschmack. Insofern irrte auch ein Frankfurter Bürger, der brieflich beim Oberbürgermeister anfragte, ob er das „...in Schutzhaft genommene Heine-Denkmal...“ käuflich erwerben könne. Den Nationalsozialisten ging es allein um die Beseitigung der öffentlichen Ehrung.
Zur Schaffung des Denkmals hatte sich 1912 auf Anregung Emil Claars. des Schauspielintendanten, eine Bürgerinitiative gebildet, die in Frankfurt verwirklichte, was in berufeneren Städten wie Düsseldorf oder Hamburg von den „natioanlen“ und „deutsch fühlenden“ Kreisen erfolgreich verhindert wurde: Ein Denkmal für den „jüdischen Mistfink“ und „Besudler deutscher Ehre und deutschen Wesens“.

Ansprache des Oberbürgermeisters Georg Voigt anlässlich der Enthüllung des Heinrich-Heine-Denkmals in der Friedberger Anlage, Fotografie 1913


In Frankfurt hatte der antisemitische Deutsche Verein 1912 Werner als Vortragenden geladen und ein Flugblatt publiziert. Im Vorfeld des geplanten Denkmals trat die einzige bekannte antisemische Frankfurter Organisation der Kaiserzeit, die zu ihren Glanzzeiten etwa 500 Mitglieder zählte, letztmals in Erscheinung. Werners Erinnerungen an „stürmische Versammlungen“ waren mehr als geschönt. Auf der Versammlung war es allein „stürmisch“ zugegangen, weil der Großteil des Publikums kam, um die antisemitische Propaganda zu unterbinden. Der Oberbürgermeister bezeichnete Heinrich Heine in seiner Einweihungsrede als Deutschen, was das reichsweite Wutgeheul der Antisemiten noch verstärkte. In Frankfurt bedurfte es dafür keines besonderen Mutes.

Flugblatt des antisemitischen Deutschen Vereins, 1912


Nach Enthüllung des Denkmals bezeichnete eine völkisch-antisemitische, in Dresden erscheinende Zeitung, Frankfurt als „nur noch statistisch“ deutsche Stadt und „Stadt der Juden und der Demokraten“.

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Schändung des Heinrich-Heine-Denkmals;  
Institutionen/Orte/Begriffe:  Gallusanlage;  

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