Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“

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Als das Institut am 26. März 1941 im Frankfurter Römer mit viel hochrangiger nationalsozialistischer Prominenz eröffnet wurde, war dies an erster Stelle ein Erfolg des Oberbürgermeisters Friedrich Krebs und seiner steten Bemühungen Frankfurt als ehemalige Stadt der Juden und der Demokraten in eine Stadt von nationalsozialistischem Rang zu verwandeln. Mit der Eröffnung endeten gut sechs Jahre Querelen.

Eröffnung des Instituts zur Erforschung der Judenfrage im Bürgersaal des Römers, rechts Gauleiter Jakob Sprenger. Dritter von rechts Oberbürgermeister Friedrich Krebs, Fotografie 1941


Dank der Geschichte der Stadt verfügte die Stadtbibliothek 1933 über eine seit dem 19. Jahrhundert zumeist durch Stiftungen jüdischer Bürger zusammengetragene weltberühmte Judaica- und Hebraica-Sammlung. 1932 erschien der erste Band des Katalogs der Sammlung. Der zweite Band, 1933 bereits druckfertig, erschien nicht mehr. Der Verfasser und Leiter der Abteilung, Aron Freimann, wurde im April 1933 entlassen, die Stelle gestrichen. Im neuen Deutschland hatte die Sammlung ab sofort keine öffentliche, sondern „nur noch wissenschaftliche“ Bedeutung für die Erforschung der Judenfrage.

Das im Oktober 1935 in Berlin eröffnete Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands schlug der Stadt die Übernahme der fast 18.000 Bände umfassenden Judaica-Sammlung für die in München, der „Stadt der Bewegung“, geplante Forschungsstelle Judenfrage vor. Stadtbibliothek und Kulturamt lehnten das Ansinnen ebenso ab, wie der Oberbürgermeister. Da das Reichsinstitut nicht locker ließ und die Stadt konsequent blieb, beschäftigte die Frage der Zukunft der Frankfurter Judaica- und Hebraica-Sammlung bis 1939 mehrere Reichsministerien und Parteistellen, schließlich auch Rudolf Hess, den Stellvertreter des Führers. Nur der „Führer“ selbst ist nicht befasst gewesen.

Mitte November 1938 zeigte das Amt Rosenberg der NSDAP Interesse an der Errichtung eines von der Partei getragenen „Instituts zur Erforschung der Judenfrage“ in Frankfurt am Main. Alfred Rosenberg sah im Institut einen Baustein für die von ihm betriebene Gründung der als „Hohe Schule“ bezeichneten Partei-Universität. Unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938 mit reichsweiter Beschlagnahmung und reichsweiter Beraubung jüdischer Bibliotheken und Archive stand die Schaffung einer zentralen Sammelstelle zur Debatte. Nach weiteren Querelen entschieden Martin Bormann und Rudolf Hess im Januar 1939 gegen das Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands.

Transportkisten in der Bibliothek des Instituts zur Erforschung der Judenfrage, Fotografie 1943

Der Bibliothekskatalog des Instituts zur Erforschung der Judenfrage, Fotografie 1943


Von der Stadt erhielt das im Aufbau befindliche Institut ein erstes Domizil in der Schwindstraße 1 im Westend; später zog es in die Bockenheimer Landstraße 68-70 um. Mit Beginn des Weltkrieges sorgte Rosenberg als Leiter des verharmlosend „Einsatzstab Rosenberg“ genannten Kulturraubkommandos für reichen Zufluss zunächst aus Frankreich und den Niederlanden. Bei der feierlichen Eröffnung des Instituts im Bürgersaal des Römers am 26. März 1941 wurden „Beutestücke“ in einer Ausstellung präsentiert. An der Eröffnung nahmen Antisemiten aus allen besetzten Ländern teil.

Vitrinen mit jüdischem Kultgerät des Instituts zur Erforschung der Judenfrage, Fotografie 1943


Im Sommer 1939 hatte Rosenberg seinen „Weltdienst - Internationale Korrespondenz zur Aufklärung über die Judenfrage“ nach Frankfurt verlegt und gleichfalls zu einem Institut erklärt. Damit war die Stadt eine „hochrangige“ propagandistische Zentrale zur Judenfrage geworden. Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ legte als „wissenschaftliche Zeitschrift“ den Weltkampf auf. Während die Menschen in die Vernichtungslager im Osten deportiert und ermordet wurden, wurde vom „Einsatzstab Rosenberg“ mit Hilfe der Wehrmacht geraubtes Kulturgut nach Frankfurt transportiert. Im April 1943 umfasste die Bibliothek bereits über 300.000 Bände.

Institut zur Erforschung der Judenfrage


Bibliothekare reisten vor Ort, um „wissenschaftlich wertvolles“ auszusortieren. Der möglichen Irritation, wozu noch Forschung, wenn Menschen und Kulturen ausgerottet sind, half Alfred Rosenberg in seiner Eröffnungsrede am 26. März 1941 auf die Sprünge: „Wir müssen uns ein Gesamtbild des jüdischen Wirkens in Zusammenhang mit den anderen Völkern bilden und zugleich allen irgendwie faßbaren Urkunden über die jüdische Wirksamkeit, namentlich in den letzten 200 Jahren, nachgehen. (...) Wenn die Judenfrage in Deutschland - und einmal in ganz Europa - gelöst wird, dann könnte nach uns vielleicht eine Generation kommen, die sich nicht mehr Rechenschaft abzulegen vermag, was sich denn eigentlich in diesen Jahrzehnten abgespielt hat. Unsere Enkel könnten vielleicht, befreit vom jüdischen Einfluß, erneut schwärmerischen Ideen verfallen und die Wirksamkeit des jüdischen Volkes inmitten der Europäer nicht mehr so einschätzen, wie wir es heute tun müssen. Das Gedächtnis der Menschen ist sehr kurz, oft genügen 30 oder 50 Jahre, um auch die schwersten Schicksale nicht mehr im völkischen Bewußtsein zu tragen (...) wir müssen die erlebten Erkenntnisse (...) durch eine umfangreiche Forschungsarbeit ergänzen.“

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003