Eine Luftmine trifft den Luftschutzkeller des Kinderkrankenhauses Gagernstraße

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Das zerstörte Hilfskrankenhaus der Universitätsklinik im Krankenhauskomplex Gagernstraße nach dem 4. Oktober 1943, zeitgenössische Fotografie

Beim Großangriff vom 4. Oktober 1943 tötete eine Luftmine Kinder, Schwestern, Ärzte und Angestellte im Luftschutzkeller des Kinderkrankenhauses in der Gagernstraße. Die Stadt hatte das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße 1939 mit den so genannten Judenverträgen komplett für 900.000 RM erworben und für drei Jahre der Jüdischen Gemeinde mietweise überlassen. Im Spätsommer 1942 waren jüdische Patienten, Schwestern, Pfleger, Ärzte und Hausangestellte deportiert worden. In einem Gebäude des Krankenhauskomplexes wurde eine Kinderklinik eingerichtet. 26 im Krankenhaus verschüttete und 50 verschüttete Kinder und Betreuerinnen eines benachbarten Kinderheimes konnten lebend geborgen werden.

Bergungsarbeiten in der Gagernstraße nach dem 4. Oktober 1943, zeitgenössische Fotografie

Die Sicherheits-und Hilfdienste arbeiteten bis in die Morgenstunden des 7. Oktobers.

Der Tod der 90 Kinder sprach sich blitzschnell in der Stadt herum. Das Entsetzen war groß, weil es in großer Zahl Kinder getroffen hatte. Die nationalsozialistische Presse berichtete unter der Schlagzeile „Der Frankfurter Kindermord!“ Die Berichte erschienen erst am 9. Oktober. Der Bombentod zahlloser Kinder warf Fragen auf, die Sprachregelungen erforderlich machten. Die Presse betonte besonders den Einsatz des Gauleiters, von SA und Parteigenossen. Unmittelbar nach dem ersten Großangriff auf die Stadt mit flächendeckenden Verwüstungen konnten solche Lügen noch Eindruck machen. Tatsächlich war die Bergung Verschütteter äußerst gefahrvoll für die Retter und erforderte Spezialisten. So gab es aus Bergleuten rekrutierte Einsatzbereitschaften, die Stollen zu den Verschütteten vorantrieben. Die propagandistische Aufwertung der Partei bei den Rettungsarbeiten machte sie zum Retter der überlebenden Kinder, die toten Kinder waren einem „gemeinen Mordanschlag“ zum Opfer gefallen, der die Bestialität des Feindes offenbarte.
Die „Rhein-Mainische Zeitung“ beschloss am 7. Oktober 1943 den Bericht über zwei Hitlerjungen, die aus der brennenden Wohnung einer alten Frau Kissen und Decken gerettet hatten, mit: „Wer unsere Jungen und Mädel am Dienstagmorgen gesehen hat,...,der weiß, daß sich in ihnen die junge Generation der Heimatfront bewährt, die sich in diesem stolzen Einsatz in jeder Hinsicht als die Staatsjugend des Führers in Gesinnung und Haltung erwies (...)“ Hass auf den Feind, Heroisierung des NS-Systems und Berichte über den beispielhaften Einsatz Einzelner, wie zum Beispiel einer 82jährigen, die eine Brandbombe, die in ihre Wohnung gefallen war, löschte, waren die propagandistische Antwort auf den ersten Großangriff auf die Stadt. War der Feind nichts anderes als ein Mörder, dann half nur der fanatische Wille, ihm zu widerstehen.

Durch einen Volltreffer des Luftschutzkellers getötete Kinder nach dem 4. Oktober 1943, zeitgenössische Fotografie

Durch einen Volltreffer des Luftschutzkellers getötete Kinder nach dem 4. Oktober 1943, zeitgenössische Fotografie

Fotografien der in einem unbeschädigten Gang des Krankenhauses zusammengetragenen Kinderleichen sollten den Haß stimulieren. Sie sind die einzigen während des Krieges publizierten Fotos Frankfurter Opfer des Luftkriegs.

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Nachtangriff mit 400-500 Bombern auf Frankfurt am Main;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003