Karl Krämer über den Einsatz bei Hartmann & Braun

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Zwei Hauptwachtmeister der Teno sind Ingenieure bei Hartmann & Braun. Sie erbitten schleunigst Hilfe, das Werk sei vernichtend getroffen. Kurze Besprechung mit dem Einsatzkommando West, das die Hilfe erlaubt. Nach kürzester Zeit stehen wir vor dem Werk, das aus allen Bauten qualmt. Es ist ein altes Werk, aus vielen kleinen Fabriken entstanden, vereckt und verwinkelt, ein Fremder findet sich hier kaum zurecht. Besonders ein Mittelbau, der sogenannte Veifa-Bau, steht noch in hellen Flammen. Traurig und zerfetzt hängt eine Fahne am Tor: Nationalsozialistischer Musterbetrieb der NSBO! Die Feuerwehr wirft Wasser über Wasser in die Flammen. Die Geschosse im Veifa-Bau brechen krachend zusammen, die schweren Maschinen fallen auf die unteren Decken. Dort unten, in dieser rauchenden, qualmenden, flammenden Hölle, sollen über hundert Menschen sein! Die Belegschaft vom ganzen Bau, dabei eine ganze Lehrlingswerkstatt! (...) Drüben im Nachbarbau räumt schon eine Kolonne auf. (...) Unser Zug fängt am Veifa-Bau an. Wir vier Freunde rutschen mit Emil durch den Eingang, die Kellertreppe hinab. Hier herrscht eine infernalische Hitze. Überall flammen Feuer, Öl, Papier, Holzwolle, viele Ballen Holzwolle. Das soll ein Luftschutzkeller gewesen sein? Es ist zum Ersticken hier, so heiß! Wir suchen nach Überlebenden, vielleicht gibt es die noch hier.
„Hier hab ich einen!“,schreit Walter. Dabei zerrt er an einem großen, breitschultrigen Mann, der mit dem Oberkörper über eine Bank herausragt. Werner hilft ziehen, da fliegen beide rückwärts hin. Sie haben einen halbierten Menschen in den Fäusten, quer abgeschlagen, der Oberkörper. Die Kameraden helfen den beiden aufstehen, entsetzt betrachten sie den Menschenrest, der mit weit offenen, aber vor Dreck blinden Augen zu ihnen her starrt. Es ist das erste Mal, daß sie so etwas erleben! „Raus, alles raus da unten! Blindgänger!“
Wie erschreckte Wesen sausen die acht Mann wieder durch Feuer und Brand hinaus. Gerade zur rechten Zeit. Der obere Bau kippt um, fällt nach innen, die Decke wird nun ganz durchschlagen. Die Treppe verschüttet, jetzt ist alles zu! (...)
Die Feuerwehr löscht den Mittelbau ab, glühende Steine platzen knallend, wenn der Wasserstrahl sie trifft. Langsam gewöhnt sich das Ohr an den schauerlichen Krach ringsum. Menschen schreien und brüllen, Fahrzeuge knattern, die Motorspritzen rattern, (...) alles ist in wilder Bewegung, bis wieder ein Blindgänger gemeldet wird, jeder in Deckung geht, bis das Ding vorbei ist.
Unser Zug ist noch gar nicht richtig zum Arbeiten gekommen, die Spezialisten rennen herum wie Tiere im Käfig, da kommt Walter zu Emil: „Kommt mit, ich habe einen Hintereingang entdeckt, da können wir hinein.“ Richtig, hinter dem Veifa-Bau ist noch ein Eingang, der nicht verschüttet ist.
Hinein! Unten stehen runde eiserne Säulen, die die Decke tragen. So hat man um die Jahrhundertwende Fabriken gebaut. Gleich hinter der ersten Säule liegen zwei Körper. Sie leben! Wahrscheinlich Rauchvergiftung. Raus mit ihnen an die frische Luft, hin zu den Sanitätern. Dabei kommen die Träger am Sammelplatz für die Toten vorbei. Sie berichten nachher, daß die armen Verbrannten nur noch halb so groß wären wie normal. Da es sich um Neulinge handelt, läßt sich keiner der Alten auf eine Belehrung ein. Sie werden schon noch sehen, daß solche Erzählungen einfach Quatsch sind. Max und ich haben derweilen weiter gesucht und sind schon ganz in der Nähe des noch brennenden Raumes. Ein fürchterlicher Gestank macht sich breit. Die Feuerwehr spritzt immer noch, alles ist in einen brodelnden Dampf gehüllt. „Riecht hier, als wenn die Alte daheim Wäsche hat und das kochende Fleisch auf dem Herd vergessen hat, das angebrannt ist.“ (...) „Kerle, Kerle, laßt ja keinen von den Neuen in die Ecke dort, da ist ein Schlachthaus. Wenn die das sehen, kotzen sie sich die Seele aus dem Leib!“ (...) Felix und Max fangen an zu hacken, Gustav löst ab, damit Max und ich rausziehen können, Walter, Werner, Willi und Hans transportieren nach oben, und die Neuen tragen weg. Hier in der Ecke liegen etwa fünfzehn, zwanzig Leichen, vom Bombenwind hingeweht auf einen Haufen.

Aus: Karl Krämer, „Christbäume“ über Frankfurt 1943, Frankfurt am Main 1983, S. 48–52

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