Sterben im Bockenheimer Bunker

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Blindgänger einer nach Größe und Umfang einer Litfasssäule entsprechenden Luftmine an der Sophienstraße nach dem 12. September 1944, zeitgenössische Fotografie

Beim Nachtangriff am 12. September 1944 warfen über 500 alliierte Bomber mehr als 2.000 Sprengbomben und etwa 240.000 Brandbomben auf das nordwestliche Stadtgebiet, vor allem auf Bockenheim ab. Am Bockenheimer Bunker in der Mühlgasse riss die Explosion einer 1.800 kg schweren Luftmine in der Westwand neben der Eingangstür ein Loch von etwa 3 Meter Breite und Höhe.
Im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk tötete die Explosion 172 Menschen und verletzte 90 Menschen schwer. Der letzte Tote konnte erst sieben Tage später geborgen werden.

Westwand des Bunkers an der Mühlgasse in Bockenheim nach dem 12. September 1944, zeitgenössische Fotografie

Särge an der Mühlgasse nach dem 12. September 1944, zeitgenössische Fotografie


Zum ersten Mal hatte einer der seit 1941 errichteten und die neuesten Erkenntnisse der Wirkung schwerster Bomben berücksichtigenden Hochbunker keinen Schutz geboten. Am Bunker sammelten sich nach Ende des Angriffs hunderte von tief erschreckten und verzweifelten Bockenheimern. Polizei und Amtswalter der NSDAP zogen sich zurück oder „überhörten“ die lauten Rufe „Nieder mit dem Krieg“, „Schluss mit dem Krieg“.
Während der Bauzeit des Bunkers war Eisen kontingentiert gewesen. Die Bunkerwände bestanden daher aus bloßem Stampfbeton, mit zwei Metern Breite zwar wesentlich dicker als üblich ausgeführt, aber nutzlos, da die Luftmine unmittelbar neben der Bodenplatte detonierte. Der Luftdruck zerquetschte die Menschen in der direkt getroffenen Kammer zu einem blutigen Leichenbrei, in den entfernteren Kammern tötete der Luftdruck durch Lungenrisse und innere Blutungen.

Erinnerung an den am 12. September 1944 vernichteten Haushalt


Schwer getroffen und verwüstet wurde am 12. September 1944 auch der obere Teil der Leipziger Straße. Im Haus Nr. 87 verlor die Familie Ritsert ihr Hab und Gut. Margarete Ritsert bewahrte auf, was von ihrem Haushalt übrig geblieben war: eine Porzellantasse und eine Zuckerdose aus Keramik, eingeschmolzen in einen Klumpen Glas. Glas schmilzt bei 1.000°, Porzellan schmilzt bei etwa 1.300° Celsius.
Nach ihrem Tod übergab der Sohn das Erinnerungsstück an das Historische Museum.

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