Die „Arisierung“ der Rothschildschen Bibliothek

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Das Rothschildpalais um 1890, zeitgenössische Fotografie

1887 stiftete Hannah Louise von Rothschild in Andenken an ihren Vater Mayer Carl von Rothschild dessen Bibliothek als Grundstock einer öffentlichen Bibliothek. Zu der Stiftung gehörte als Bibliotheksgebäude das Rothschildpalais am Untermainkai. Vorbild der Stiftung waren die in Deutschland noch unbekannten gemeinnützigen und kostenlos zu benutzenden englischen „Public Libraries“. 1928 wurde die Rothschildsche Bibliothek als selbstständige Abteilung der Stadtbibliothek angegliedert.
Anfang November 1928 wird Joachim Kirchner Abteilungsdirektor der Rothschildbibliothek. Im Januar 1933 wird bekannt, dass er in der Frankfurter Ortsgruppe des Kampfbundes für Deutsche Kultur zuständig für Schrifttum geworden sei. Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde schreibt an den Magistrat, „daß eine solche Tätigkeit des Leiters der Rothschildschen Bibliothek keinesfalls dem Willen der Stifter entspricht“. In seiner Stellungnahme betont Kirchner, dass er „weltanschaulich im Lager der Rechten stehe, ohne Mitglied einer bestimmten Partei zu sein“. Der noch demokratische Magistrat verweist ihn auf Grenzen, die ihm als Beamten und Leiter der Stiftungsbibliothek gezogen seien.

Großer Lesesaal der Rothschildschen Bibliothek um 1900, zeitgenössische Fotografie


Kirchner wird kurz darauf, im Februar 1933, Mitglied der NSDAP. Im März setzt ihn die Partei als Kommissar der Untersuchung gegen Kurt Rheindorf ein, den Leiter der Frankfurter Studentenhilfe. Im April wird er vom Oberbürgermeister zum Beauftragten der Säuberung der städtischen Schüler-, Lehrer- und Volksbüchereien ernannt. Die Rothschildsche Bibliothek ist die erste Frankfurter Bibliothek, in der „undeutsches Schrifttum“ nur noch bei Nachweis eines wissenschaftlichen Zwecks ausgeliehen wird. Auf dem Hessischen Bibliothekstag in Darmstadt referiert Kirchner in Uniform über die Ziele der nationalsozialistischen Bibliothekspolitik.
Kirchner trägt dafür Sorge, dass die Rothschildsche Bibliothek bereits am 30. Dezember 1933 in Bibliothek für neuere Sprachen und Musik (Freiherrlich Carl von Rothschildsche Bibliothek) umbenannt wird. Der Klammerzusatz wird im November 1935 gestrichen. Die Erinnerungen an die Stifterfamilie im Foyer werden entfernt. Der 1936 herausgegebene Führer durch die Frankfurter Bibliotheken teilt mit, die Bibliothek sei „(...) in zwei großen geräumigen Patrizierhäusern, die am Mainufer in der Nähe des Schauspielhauses gelegen sind, untergebracht ...“ und 1887 als „Familienstiftung“ entstanden.

Porträt des Abteilungsdirektors der ehemaligen Rothschildschen Bibliothek Joachim Kirchner, Fotografie Frühjahr 1933


Das fotografische Porträt, das Kirchner nachträglich seiner Personalakte beifügen ließ, zeigt ihn in Amtswalteruniform. Die Krawattennadel ziert ein Hakenkreuz. In der Gauleitung der NSDAP ist er für Schrifttum und Literatur zuständig. Er stellt immer wieder Anträge für Schulungen der Reichsleitung der NSDAP und ist häufig krankgeschrieben, 1935 wird ein Nervenleiden diagnostiziert. Der behandelnde Arzt empfiehlt, er solle sich seine Arbeitszeit selbst einteilen. Als sich 1940 die Berufung zum Direktor der Münchener Universitätsbibliothek ankündigt, ist Kirchner kerngesund.
Nach 1945 wird er als „Mitläufer“ eingestuft.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Kampfbund für Deutsche Kultur;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003