Die „Gleichschaltung“ des Magistrats

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Der nationalsozialistische Oberbürgermeister suspendiert Bürgermeister Karl Schlosser und Max Michel, die SPD-Mitglieder unter den besoldeten Stadträten im Magistrat. Suspendiert werden die Mitglieder der SPD, der KPD und der DSt unter den unbesoldeten Stadträten: Else Alken, Meta Quarck-Hammerschlag, Heinrich Seliger, Jakob Kriegseis oder Wilhelm Weidner. Der hauptamtliche Stadtrat Peter Schlotter wird wegen Krankheit zum 1. Oktober 1933 pensioniert. Damit wird die erste hauptamtliche Stelle für die Besetzung mit einem Nationalsozialisten frei.

Meta Quarck-Hammerschlag, Peter Schlotter (2. von rechts) und Wilhelm Weidner (rechts) auf einem Foto von Magistrat und Stadtverordneten 1926, zeitgenössische Fotografie

Stadtrat August Jaspert (vorn) auf einem Foto von Magistrat und Stadtverordneten 1926, zeitgenössische Fotografie


Auf der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 31. März 1933 werden Jakob Kriegseis und Wilhelm Weidner als Kandidaten der SPD wieder zu unbesoldeten Stadträten gewählt. Ihre Amtszeit endet mit dem Verbot der SPD am 26. Juni 1933. August Jaspert, der als Kandidat der DNVP gewählt wird, tritt 1934 zurück. Für Gerhard Börner (Zentrum) und Ludwig Fertsch (DVP) endet die Amtszeit mit dem 31. Dezember 1933 und der Einführung der neuen Gemeindeordnung zum 1. Januar 1934, die die Gleichschaltung rückwirkend legalisiert.

Stadtrat Gerhard Börner (rechts) auf einem Foto von Magistrat und Stadtverordneten 1926, zeitgenössische Fotografie


Die neuen unbesoldeten Stadträte der NSDAP, der Kaufmann Hans Menzel, der Gerichtsassessor Dr. Herbert Stein, der Postinspektor Otto Wamboldt oder der Rechtsanwalt Leo Zugehoer sind kommunalpolitisch unauffällig geblieben. Die durch Verfolgung und Terror bedingte Minderung der Zahl der unbesoldeten Stadträte wird belassen, sodass im Magistrat 1935 nur noch sechs unbesoldete Stadträte sitzen (gegenüber 1932 13). Kurios wirkt, daß die neuen unbesoldeten nationalsozialistischen Stadträte dazu neigen, ihr Ehrenamt als Beruf anzugeben. Reputationsbedürfnisse sind stärker als Volkstumsideologie.
Friedrich Lehmann als Kämmerer und die besoldeten Stadträte Rudolf Keller, August Lingnau, Bruno Müller und Reinhold Niemeyer bleiben unter Friedrich Krebs im Amt. Neu hinzu kommt im Oktober 1933 der Arzt Werner Fischer-Defoy, bisher als Schularzt im Gesundheitsamt tätig und altes Parteimitglied. Er übernimmt das nationalsozialistisch hochrangige Gesundheits- und Fürsorgedezernat, das mit allen Aufgaben nationalsozialistischer Rassenpflege betraut wird.
Die Gauleitung kritisiert die Personalentscheidungen des Oberbürgermeisters vor allem in Hinblick auf Rudolf Keller, seit 1930 Schuldezernent und Mitglied der im gleichen Jahr in DSt umbenannten DDP. Von Nachweisen seitens der Gauleitung, daß der Frankfurter Stadtrat Ende der zwanziger Jahre sich gegen den Nationalsozialismus geäußert hätte - sonst Anlass sofortiger Suspension - zeigt Krebs sich unbeeindruckt. Sein Festhalten an Keller und anderen als Verwaltungsexperten ist Kalkül. Nachhilfe in Nationalsozialismus braucht er nicht. Eigene Verwaltungserfahrungen hat der Oberbürgermeister nicht. Die Gefahr der Abhängigkeit von bürgerlich denkenden Stadträten ist nicht allzu groß. Die das Führerprinzip einführende neue Gemeindeverfassung macht den Oberbürgermeister zum uneingeschränkten Führer der Stadtverwaltung, der Magistrat ist eine Art „Führerbeirat“ und allein der Oberbürgermeister entscheidet, wie lange die Stadträte im Amt sind. Eine andere Frage ist, warum sie es von sich aus bis 1945 blieben.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 21.04.2006