Die Versteigerung „entarteter“ Gemälde aus dem Städelschen Kunstinstitut

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Im Sommer 1937 entfernten die Nationalsozialisten auf Geheiß des Propagandaministers Joseph Goebbels so genannte „entartete Kunst“ aus allen Museen des Reiches. Die beschlagnahmten Objekte, darunter auch solche aus dem Städelschen Kunstinstitut, lagerten in Schloss Niederschönhausen und in Lagerhäusern in Berlin. Ein Teil der Werke war später in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen.
Für den weiteren Umgang mit den Exponaten schlug Hermann Göring einen devisenbringenden Verkauf von Werken ins Ausland vor. Goebbels gründete daraufhin im Frühjahr 1938 eine „Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst“, die die 125 Kunstwerke umfassende Vorauswahl des Propagandaministeriums diskutierte. Die Kommission modifizierte die vorgelegte Liste, schätzte die Mindestgebote ein und wählte das Auktionshaus aus. Mit Theodor Fischer in Luzern wählte die Kommission den einzigen nicht-jüdischen Kunsthändler in der politisch sich neutral gebenden Schweiz.
Die Auktion fand am 30. Juni 1939 statt. Sie war durch eine außerordentlich hohe Qualität der Versteigerungsobjekte gekennzeichnet. Arbeiten der bekanntesten europäischen Künstler, darunter zwölf der im Städel beschlagnahmten Gemälde, wurden angeboten und zum größten Teil verkauft.
Bei der Versteigerung waren europäische und amerikanische, z. T. emigrierte Sammler und Kunsthändler, Vertreter der europäischen Museen, Journalisten, Zuschauer und Beobachter des Propagandaministeriums anwesend. Größtes Interesse der deutschen Regierung lag darin, nicht als Nutznießer der Verkaufsaktion erkannt zu werden. Theodor Fischer war angewiesen, keinerlei verräterische Hinweise im Katalog zu hinterlassen. Verbreitet wurde vielmehr, der Verkaufserlös käme den betroffenen Museen für Neuankäufe zugute. Tatsächlich jedoch erhielten nur wenige Museen eine kleine Entschädigung, die nie zum Ankauf adäquater Werke gereicht hätte.
Die Auktion war nur ein begrenzter Erfolg. Nicht alle Werke wurden verkauft, 38 erzielten nicht einmal das Mindestgebot. Den Verkaufserlös von 500.000 SF (etwa 115.000 Dollar) überwies Fischer vertragsgemäß auf ein Londoner Konto. Der Grund war ein Boykott von Händlern und Sammlern, als durchgesickert war, wohin der Erlös tatsächlich fließen würde. Um den Nationalsozialisten einen möglichst geringen finanziellen Erfolg zu bescheren, aber auch um die Kunstwerke zu sichern, waren die Gebote niedrig. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass dies die einmalige Gelegenheit war, billig an Kunstwerke zu gelangen, die unter normalen Umständen nie in den Handel gelangt wären.
Folgende zwölf, der im Städelschen Kunstinstitut beschlagnahmten Werke (1 Plastik, 11 Gemälde) wurden bei der Versteigerung angeboten:

Ernst Barlach, Christus und Johannes, 1926
Max Beckmann, Doppelbildnis Karneval, 1925
Max Beckmann, Zichorien-Stilleben (Blaue Blumen), 1930
Georges Braques, Stilleben, 1924
Marc Chagall, Winter, 1911/12
Paul Gauguin, Aus Tahiti, 1902
Paul Klee, Haus am Weg (Villa R.), 1919
Oskar Kokoschka, Dr. Hermann Schwarzwald, 1911
Oskar Kokoschka, Monte Carlo, 1925
Franz Marc, Der weiße Hund (Liegender Hund im Schnee), 1910/11
Henri Matisse, Stilleben (Fleurs et Céramique), 1917
Pablo Picasso, Frauenkopf (Buste de femme), 1922

Max Beckmann, Doppelbildnis Karneval, 1925, ehemals Städtische Galerie, Kunstmuseum Düsseldorf

Oskar Kokoschka, Monte Carlo, 1925, ehemals Städtische Galerie. Das Museé d´Art Moderne in Liège erwarb das Gemälde am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung in der Galerie Fischer, Luzern.







Henri Matisse, Stilleben (Fleurs et Céramique), ehemals Städtische Galerie, seit 1962 wieder Städtische Galerie

Franz Marc, Der weiße Hund (Liegender Hund im Schnee), 1910/11, ehemals Städtische Galerie, seit 1961 Städelsches Kunstinstitut





Paul Klee, Haus am Weg (Villa R.), 1919, ehemals Städtische Galerie. Die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwarb das Gemälde am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung in der Galerie Fischer, Luzern.

Marc Chagall, Winter, 1911/12, ehemals Städtische Galerie. Die Öffentliche Kunstsammlung Basel erwarb das Gemälde am 30. Juni 1939 bei der Versteigerung in der Galerie Fischer, Luzern.




Georges Braque, Stilleben, 1924, bei der Versteigerung in der Galerie Fischer in Luzern am 30. Juni 1939, zeitgenössische Fotografie

Georges Braque, Stilleben, 1924, ehemals Städtische Galerie, Stiftung Sammlung Emil Bührle, Zürich




Literatur
  • Ausst.Kat. „Entartete Kunst“. Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland, Stephanie Barron (Hg.), München 1992
  • Ausst.Kat. ReVision. Die Moderne im Städel 1906-1937, Klaus Gallwitz (Hg.), Ostfildern 1991
  • Nicole Roth, „Entartete Kunst“ in Frankfurt am Main. Die Beschlagnahme der Gemälde im Städel 1936/37. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 191–214
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Magistratsakten 7864 und 7865; Magistratsakten 8098 bis 8100; Magistratsakten 8107

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Galerie Fischer;  

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