Der neue Generalintendant und sein Chefdramaturg

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Schauspiel und Oper, wie die Kultur der Weimarer Republik überhaupt, boten dem Nationalsozialismus, der alles, was nicht in die Schablone von Rasse und Volk passte, als Moderne verteufelte, Angriffspunkte en masse. Die neuen Herren von Schauspiel und Oper gingen davon aus, dass wenigstens 90 % aller Intendanten deutscher Bühnen dem Nationalsozialismus „fern standen“. Die Berliner Reichsleitung des Kampfbundes für deutsche Kultur legte eine schnell anwachsende Liste mit den Namen unerwünschter Intendanten auf. Dass nationalsozialistische Gesinnung allein nicht reichte, um eine große Bühne zu führen, bewies Hans Geisow, der im März eingesetzte kommissarische Intendant des Frankfurter Schauspiels, in kürzester Zeit.

Opernhaus und Opernplatz am 1. Mai 1933, zeitgenössische Fotografie


Der neue Frankfurter Oberbürgermeister Friedrich Krebs hatte einen Kandidaten, Hans Meissner, bis März 1933 Intendant des Stadttheaters Stettin. Meissner war allerdings seit Beginn seiner Stettiner Amtszeit 1930 ständigen Angriffen der Stettiner NSDAP und des nationalen Lagers ausgesetzt gewesen und als am 8. März 1933 am Stettiner Theater die Hakenkreuzfahne aufgezogen wurde, hatte er erfolgreich um sofortige Beurlaubung nachgesucht. Zudem stand sein Name auf der Liste des Kampfbundes.
Krebs, der die Frankfurter Ortsgruppe des Kampfbundes für deutsche Kultur gegründet hatte und leitete, kannte Meissner seit dessen Frankfurter Zeit. Meissner war bis 1930 Intendant der Wanderbühne des Rhein-Mainischen Verband für Volksbildung gewesen, einer der größten zeitgenössischen Wanderbühnen überhaupt. 1932 hatte er sich aus Stettin brieflich an Friedrich Krebs in dessen Eigenschaft als Leiter der Ortsgruppe des Kampfbundes gewandt. Krebs war sogar nach Stettin gereist, um – erfolglos – zwischen örtlicher NSDAP und Intendanten zu vermitteln.
Der Wechsel nach Frankfurt, an dem Meissner größtes Interesse hatte, mußte also sorgfältig vorbereitet werden.

Porträt Hans Meissner, Fotografie 1933


Als Meissner im Juni 1933 als neuer Generalintendant der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main präsentiert wird, erscheint im „Frankfurter Volksblatt“ prompt ein Brief aus Stettin, in dem es unter anderem heißt: „Wer heute noch Herrn Meissner seine Unterstützung gewährt, macht sich zum Feind unserer Bewegung und wird schonungslos von uns heute beiseite geschoben.“ Eben solches hatte der erfahrene „Alte Kämpfer“ Friedrich Krebs vorausgesehen. Meissner hatte seit Anfang März auf Anraten von Krebs in Stettin „Persilscheine“ gesammelt, die ihm bestätigten, dass er sich nie politisch betätigt habe. In seiner weiteren Eigenschaft als Kreisleiter der NSDAP betrieb Krebs die schleunigste Aufnahme Meissners in die NSDAP, die zum 1. April 1933 erfolgte. Meissners Austritt aus der SPD, Mitglied seit 1928, geschah zeitgleich. Krebs teilte der Reichsleitung des Kampfbundes für deutsche Kultur mit, Meissner seien vom Nationalsozialismus die Augen dafür geöffnet worden, dass die Hoffnung, die SPD werde eine Erlösung aus Not und Elend bringen, ein Irrtum gewesen sei.

Generalintendant Hans Meissner eröffnet die Spielzeit 1933/1934, zeitgenössische Fotografie

Chefdramaturg Friedrich Bethge in SS-Uniform (rechts von Hitler) beim Besuch Adolf Hitlers am 30. März 1938 im Frankfurter Römer, zeitgenössische Fotografie


Der Theaterkommissar in Berlin beurteilte die Ernennung Meissners naturgemäß skeptisch. Da ein offener Konflikt zwischen Staat und Stadt im neuen Deutschland unerwünscht war, wurde die Idee geboren, Meissner einen Aufpasser an die Seite zu stellen. So erhielten die Städtischen Bühnen das neue Amt des Chefdramaturgen und mit dem Amt, das explizit als Aufpasseramt vorgesehen war, zugleich dessen Inhaber: Friedrich Bethge, einen mäßig erfolgreichen Schriftsteller und Verfasser von Stücken mit Themen des 1. Weltkriegs. Seinen Aufgaben im Theater ging er zumeist in SS-Uniform nach. Dank seiner Funktion in der Gauleitung hatten die Städtischen Bühnen eine Parteiinstanz im Haus. Bei Konflikten mit dem Oberbürgermeister wies Bethge darauf hin, dass er an erster Stelle SS-Mann sei. Friedrich Krebs rächte sich, indem er die Städtischen Bühnen anwies, das undeutsche „Chefdramaturg“ in „Hauptdramaturg“ einzudeutschen.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;   Kampfbund für Deutsche Kultur;   Machtergreifung;  

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