Die „Machtergreifung“ an der Universität

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Kurt Riezler, Geschäftsführer des Kuratoriums der Johann Wolfgang Goethe-Universität, wird am 1. April 1933 verhaftet. Der Oberbürgermeister, seit der Mitfinanzierung der Universität durch die Stadt Vorsitzender des Kuratoriums, erschien persönlich mit einem vorbereiteten Rücktrittsgesuch im Polizeigefängnis. Nachdem Riezler unterschrieben hatte, wurde er freigelassen. Am 5. April beauftragt das Preußische Kulturministerium, wie vom Oberbürgermeister empfohlen und von nationalsozialistischen Dozenten und Studenten und den studentischen Korporationen mitgetragen, August Wisser mit der Geschäftsführung des Kuratoriums. Damit ist die erste Schaltstelle administrativer Macht an der Universität zuverlässig besetzt.
Ein ministerieller Erlass vom 21. April 1933 fordert die Neuwahl von Rektoren und Dekanen für die Amtszeit vom 1. Mai 1933 bis 15. Oktober 1934. In Frankfurt wird am 26. April gewählt. Zum Wahlkonvent erscheinen vor allem jene, die dem einzigen Kandidaten für das Rektorenamt, Ernst Krieck, die Stimme geben wollten. Krieck, bis dahin Professor an der Frankfurter Pädagogischen Akademie, war erst 24 Stunden vor der Wahl, am 25. April, die vakante Universitätsprofessur für Pädagogik übertragen worden.

Einladung zu einem Vortrag von Ernst Krieck in der Aula der Universität, Juli 1931

Ernst Krieck als Rektor der Universität, Fotografie 1933

NSDStB und studentische Korporationen feierten am Abend die erste Wahl eines Nationalsozialisten zum Rektor einer Universität im „neuen Reich“ mit einem Fackelzug. Krieck präsentierte sich in Parteiuniform und in Begleitung des Oberbürgermeisters, des Polizeipräsidenten und des kommissarischen Intendanten des Schauspiels Hans Geisow, den ersten Frankfurter Nationalsozialisten auf führenden Posten.
Krieck verkündete, die „alte Kluft zwischen Volkstum und Universität [sei] endlich überbrückt.“ Er feierte die Machtergreifung als Bund „zwischen dem Führer der Stadt, der Leitung der NSDAP und dem Führer der Universität“ und kündigte die Säuberung der Universität an: „Es ist unser gemeinsames Ziel, aus der Stadt Frankfurt eine Hochburg des deutschen Geistes zu machen. Wir schreiten einer neuen Kultur entgegen, der vom Nationalsozialismus und seinem Führer mit der politischen Revolution die Bahn gebrochen ist (...).“

Akademische Feier in der Aula der Johann Wolfgang-Goethe Universität (links: Rektor Walter Platzhoff), Fotografie 1935 (Ausschnitt)


Nachfolger Kriecks, der 1934 eine Berufung nach Heidelberg annahm, wird der Historiker Walter Platzhoff. Am 14. November 1934 findet die feierliche Rektoratsübernahme statt. Die Ausrichtung der Universität auf das Führerprinzip teilte sich am Tage der Amtseinführung des neuen Rektors auch in sprachlichen Feinheiten mit: In der selbstverwalteten Universität „übergab“ der alte Rektor dem neu gewählten das Amt. Im Führerstaat wird ernannt und übernommen. Platzhoff tritt erst später in die NSDAP ein. Der Führer der NS-Dozentenschaft an der Universität würdigt ihn im Oktober 1934 als „vollwertigen“ Nationalsozialisten. Er bleibt Rektor bis 1944. Platzhoff betont in seiner Antrittsrede: „Der alte Vorwurf, daß gerade unsere Universität eine Hochburg marxistisch-jüdischen Geistes sei, kann weiß Gott nicht mehr erhoben werden. Wohl an keiner anderen Universität ist die Säuberung so radikal vorgenommen, wie gerade bei uns.“ Daran hatte er seit dem Wintersemester 1933/1934 als stellvertretender Rektor mitgewirkt.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003