Die Widerstandsgruppe um Paul Apel

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Am 12. Mai 1933 berichtet das „Höchster Kreisblatt“, auf Veranlassung des Inspektors für die westlichen Stadtteile bei der Kreisleitung der NSDAP seien in Höchst Personen von der Straße weg in die alte Höchster Kaserne gebracht worden. Dort habe man sie Kasernenräume säubern lassen und eindringlich darauf hingewiesen, wie sie sich als „ordnungsliebende deutsche Staatsbürger“ zu verhalten hätten. Der Bericht schließt mit der Drohung, in Zukunft werde die NSDAP noch rücksichtsloser durchgreifen, wenn „Provokationen und staatsfeindliche Betätigung“ nicht aufhörten. Die Verknüpfung von „deutscher Ordnungsliebe“, „Provokation“ und „staatsfeindlicher Betätigung“ lässt darauf schließen, dass der Inspektor, ein hoch rangiger Funktionär der Kreisleitung, Meldung erhalten hatte, dass in Höchst auffällig oft „Personen“ auf Plätzen oder Straßen zusammenstanden, miteinander redeten und diskutierten und beim Auftauchen von NSDAP-Angehörigen oder der Polizei spontan schwiegen oder das Thema wechselten.
Der Bericht des „Kreisblattes“ nennt namentlich nur Paul Apel. Die detaillierten Hinweise unter anderem auf seine Leitungsfunktionen in der Eisernen Front outen ihn als Gegner des Nationalsozialismus. Ihn jedoch offen als Gegner zu bezeichnen, ist ein propagandistisches Tabu. In der nationalsozialistischen Propaganda gibt es nur „Provokateure“ und „Staatsfeinde“. Sinn des Berichtes ist es, die Höchster davor zu warnen, sich auf Gespräche mit Paul Apel einzulassen.
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler war die Enttäuschung vor allem in der Eisernen Front groß, dass SPD- und Gewerkschaftsspitzen nicht zum bewaffneten Widerstand oder zum Generalstreik aufriefen. Vor allem in der SPD war die Auffassung verbreitet, beim Kabinett Hitler handele es sich um ein Zwischenkabinett, das sich nur wenige Monate halten werde.
Am 22. Juni 1933 wurde die SPD als „staats- und volksfeindliche“ Partei reichsweit verboten. Im Unterschied zur zentralistisch organisierten KPD konnte sie ihre mitgliederdemokratische Struktur nicht einfach in den Untergrund überführen, allein der Versuch wäre schon illusorisch gewesen. Der Entschluss zum Widerstand war eine persönliche Entscheidung. Die gemeinsame Mitgliedschaft in der SPD hatte nach dem Verbot der Partei nur noch informelle Bedeutung.
Paul Apel wird der Organisator der größten sozialdemokratischen Widerstandsgruppe, die sich nach 1933 in Frankfurt, im Main-Taunus-Kreis, Hanau, Offenbach, Darmstadt und Pfungstadt bildet. Er verdingte sich als Reisevertreter für die Grüne Post, eine sonntags erscheinende Zeitung für die Familie des Ullstein-Verlages, die Politik weit gehend meidet und dafür mit literarischen Essays, Reiseberichten, einer Rätselecke und einer Kinderseite erfreute. Er zieht aus der Hellerhof-Siedlung in eine Wohnung in der Innenstadt um. Hier kennt ihn niemand und auch die Lage der Wohnung entspricht der neuen Tätigkeit.
Mit der Vertretertätigkeit tarnt er seine Reisetätigkeit zu Konferenzen in Frankreich, Belgien und die Niederlande mit Vertretern der SOPADE, wie die zahlreichen Fahrten innerhalb Frankfurts und im Main-Taunus-Kreis. Auch Heinrich Diegel verdingte sich als Vertreter der „Grünen Post“. Für Frankfurter Treffen diente das Café Rothschild, das bereits vor 1933 sozialdemokratischer Treffpunkt gewesen war. Hier hatten die Genossen, die entschlossen waren etwas zu tun, zusammengefunden.

Titelblatt der „Sozialistischen Aktion“, Mai 1935


Die Gruppe verteilte die „Sozialistische Aktion“, die der Exilvorstand der SPD in Prag herausgab. Sie betonte in der Ausgabe vom 25. Januar 1934 den Sturz der Despotie als sozialdemokratisches Ziel und die Nutzung aller diesem Ziel dienenden Mittel als Taktik sozialdemokratischen Widerstands. Damit wurden die vor allem in der Sozialdemokratie verbreiteten Hoffnungen, die NS-Diktatur werde sich nur wenige Monate halten können, endgültig ad acta gelegt. Die Verteilung der Zeitung an „zuverlässige“ oder „vertrauenswürdige“ Genossen diente vor allem der Bewahrung und Vereinheitlichung sozialdemokratischer Positionen.
Die Gruppe lieferte Berichte über die Verhältnisse in Frankfurt am Main, die die SOPADE-Zeitschrift „Deutschland-Berichte“ druckte und verbreitete.

Die Genossen, die die „Sozialistische Aktion“ verteilten, kamen aus dem Funktionärsbereich der ehemaligen SPD und der freien Gewerkschaften: Albrecht Ege verteilte in Praunheim, Valentin Schmetzer und Franz Ulrich in Sachsenhausen, Carl Tesch im Riederwald. Einzelne Exemplare übernahmen Karl Kirchner und Stephan Heise. Weitere Frankfurter Verteilerkreise gab es im Nordosten, in Nied, Höchst, Sindlingen, Zeilsheim und in den Universitätskliniken. Christian Weiß, der einen Kolonialwarenladen in der Altstadt übernommen hatte, steckte die im Dünndruck hergestellten und für den Main-Taunus-Kreis vorgesehenen Exemplare in Samentüten. Abnehmerkreise existierten in Hattersheim, Hofheim, Kelkheim, Kelsterbach, Kronberg, Mainz-Kastel und Münster. Den Verteilerkreis im Main-Taunus-Kreis betreute Paul Kirchhof, von Beruf Kraftfahrer und 1933 aus politischen Gründen aus der Frankfurter Stadtverwaltung entlassen. Ihm fiel eine Mappe mit der Verteilerliste vom Motorrad, die ein Passant aufhob und zur Polizei brachte: Paul Apel wurde am 3. Oktober 1935 verhaftet. Nach 16-monatiger Untersuchungshaft verurteilte ihn der Volksgerichtshof am 28. Januar 1937 in einem wenige Stunden dauernden Prozess zu einer Zuchthausstrafe, nach deren Verbüßung ihn die Gestapo in das KZ Dachau brachte. Er überlebte den Evakuierungsmarsch und erlebte das Ende der nationalsozialistischen Diktatur als Befreiung.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold;   Eiserne Front;   Wohnung von Paul Apel;   Wohnung von Karl Kirchner;   Wohnung von Valentin Schmetzer;   Zigarrenhandlung von Stephan Heise;   Wohnung von Paul Kirchhof;   Kolonialwarenladen Christian Weiß;  

Dokumente zu diesem Beitrag:

  • Die „Deutschland-Berichte“ der SOPADE im Mai 1937 zum Tod von Valentin Schmetzer
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  • Weiterführende Hinweise
  • Jürgen Steen, Historisches Museum  

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