Widerstand des ISK

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Klebezettel des ISK, um 1934

Der Bundestag des ISK beschloss bereits 1931, alle Kräfte auf den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu konzentrieren. Zum Selbstverständnis des Kampfbundes gehörte die Überzeugung, dass die Absage an den Nationalismus die wesentliche Voraussetzung sozialistischer Strategie sei. Er vertrat einen ethisch geprägten Sozialismus und erwartete von seinen Mitgliedern die Bereitschaft intensiven Lernens mit dem Ziel, die zukünftige „gerechte Gesellschaft“ im eigenen Verhalten und Handeln zu antizipieren. Wie bei anderen linken Splittergruppen war auch beim ISK die Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung Teil des Programms. Ortsgruppen existierten vor allem in Großstädten. Die Zentrale war in Berlin angesiedelt.
Die Frankfurter Mitglieder des ISK kamen überwiegend aus der SAJ. Die in den Gruppen des ISK übliche Diskussionsform, die sich an der von Leonhard Nelson konzipierten „sokratischen Methode“ orientierte, förderte das Einüben „konspirativer“ Regeln, machte es Mitgliedern aber auch möglich, den Verzicht auf Widerstandsarbeit zu begründen.
In Frankfurt am Main organisierten sich 15 – 20 Mitglieder in 5er Gruppen. Genaue Zahlen sind nicht überliefert oder feststellbar, weil niemand aus konspirativen Gründen einen Gesamtüberblick hatte, um bei Enttarnung das „Aufrollen“ der gesamten Organisation zu unterbinden oder so zu erschweren, dass Zeit für eigene Maßnahmen blieb.

Nach Angaben von Anna Beyer rekonstruierter Holzkoffer der Frankfurter Widerstandsgruppe des ISK zur Anbringung antinationalsozialistischer Parolen, Rekonstruktion 1975


Die Gruppe verteilte den „Reinhartbrief“, der in Berlin redigiert und im Ausland gedruckt wurde. Eigene Züge erhielt die Widerstandstätigkeit durch Aktionen in der Öffentlichkeit. Die 5er Gruppe um Ludwig Gehm zerschnitt bei der Eröffnung des ersten Autobahnabschnittes 1935 Lautsprecherkabel und brachte mit Hilfe einer speziell im ISK verwandten, chemischen Lösung antinationalsozialistische Parolen an, die das Sonnenlicht sichtbar machte und schwer zu entfernen waren. Anna Beyer ging mit einem speziell gefertigten Koffer, dessen Boden präpariert war, abends über den Eisernen Steg. Wenn sie den Koffer abstellte, „druckte“ die Präparierung die Parole auf den Asphalt, die das Sonnenlicht des nächsten Tages sichtbar machte. Bezeichnend für die Sorgfalt auch gegenüber Details der Widerstandsarbeit war, dass die Simulierung des Tragens eines schweren Koffers, der deshalb immer wieder abgestellt werden musste, zuvor geübt wurde.

Anna Beyer eröffnete 1936 in der Innenstadt eine Vegetarische Gaststätte. Eines der Motive war die Verbesserung der Finanzierung der Widerstandsarbeit. Die erwerbstätigen Mitglieder spendeten, was vom zum Leben Notwendigen übrigblieb.

Boden des nach Angaben von Anna Beyer rekonstruierten Holzkoffers der Frankfurter Widerstandsgruppe des ISK zur Anbringung antinationalsozialistischer Parolen, Rekonstruktion 1975

Zum Credo des ISK gehörte die vegetarische Ernährung. Anna Beyer hatte zuvor, während ihrer Arbeitslosigkeit, in der Vegetarischen Gaststätte in Köln gearbeitet. Die Anschubfinanzierung besorgte Willi Heidorn vom ISK in Köln mit einem Darlehen seiner Eltern. Die Vegetarische Gaststätte florierte rasch, auch wegen ihres Ambientes. Im Erdgeschoss befand sich ein Juweliergeschäft. Der Blockwart, der die neue Gastwirtschaft inspizierte, wünschte an Stelle eines Druckes des Sonnenblumenbildes von van Gogh ein Hitlerbild als Wandschmuck. Zudem machte er den Vorschlag, im Kasten für die Speisekarte neben dem Hauseingang ein Bildnis des Führers zu hängen. Anna Beyer „vergaß“ beides. Die Beine der Tische waren ausgehöhlt und mit Stopfen verschlossen. Hier war brisantes Material versteckt. Kuriere betraten die Gaststätte wie normale Gäste. Treffpunkt der Frankfurter Gruppen war sie aus konspirativen Gründen nicht.

Vegetarische Gaststätte Anna Beyer, Adressbuch der Stadt Frankfurt am Main 1937


1936 brachte Ludwig Gehm einen Genossen aus Hamburg mit seinem Motorrad über die Grenze nach Frankreich. Als er versuchte nach Deutschland zurückzukehren, wurde er verhaftet, weil er als Kriegsdienstverweigerer zur Fahndung ausgeschrieben war. Im Gestapoverhör brach er zusammen und erzählte, was er in Frankfurt bemerkt hatte. Seine Angaben führten zur Verhaftung von Heinrich Laus, der nach drei Jahren Zuchthaus in einem Konzentrationslager umkam. Ludwig Gehm verhaftete die Gestapo in der Gaststätte. Nach zwei Jahren Zuchthaus kam er in das KZ Buchenwald, 1943 zum Bewährungsbataillon 999. Anna Beyer blieb von einer Verhaftung verschont, weil die Gestapo weder etwas von ihrer Wohngemeinschaft mit Ludwig Gehm wusste und erfuhr noch vom politischen Hintergrund der Gaststätte. Das sollte sich rasch ändern. Anna Beyer fiel die häufigere Anwesenheit eines Gastes auf, den sie aufgrund der Art, wie er sich umguckte und die Gäste musterte, der Gestapo zurechnete. Sie übergab die Gaststätte einer Bekannten, die nicht im Widerstand aktiv war, und tauchte einige Zeit unter. In Köln wurde entschieden, dass sie „raus“ müsse, weil sie zuviel wisse. Ohne Eltern, Brüder und Freunde zu informieren, weil Mitwisserschaft Gefährdung bedeutete, emigrierte sie Anfang 1937 nach Paris und wurde in die Gemeinschaftswohnung der ISK-Gruppe um Willi Eichler aufgenommen.

Dokumente zu diesem Beitrag:

  • Der Reinhart-Brief Mai/Juli 1935
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  • Jürgen Steen, Historisches Museum  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 10.09.2008