Die Widerstandstätigkeit Johanna Kirchners

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Johanna Kirchner entstammte einer traditionsreichen sozialdemokratischen Familie. Die Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits gehörten zu den Gründern der Frankfurter SPD. Johanna besuchte nach der Volksschulzeit eine Handelsschule und erlernte den Beruf einer Sekretärin. Ausbildung von Mädchen mit dem erklärten Ziel zukünftiger Erwerbstätigkeit war im proletarischen Milieu vor 1914 ungewöhnlich. Ebenso ungewöhnlich für eine Frau war das frühe politische Engagement. Bis zum Ende des 1. Weltkriegs arbeitete sie politisch eng mit Karl Kirchner zusammen, berichtete für die „Volksstimme“ von Partei- und Gewerkschaftskongressen und spezialisierte sich auf Sozial- und Frauenpolitik.
Nach 1918 gehörte die inzwischen zweifache Mutter zu den Mitbegründerinnen der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, war in der Geschäftsstelle tätig, kümmerte sich um den Ausbau der Jugendgerichtshilfe und vertrat die SPD-nahe Organisation auf Kongressen und Parteiveranstaltungen. 1926, nach der Scheidung von Karl Kirchner, wechselte Johanna Kirchner als Sekretärin der Frankfurter SPD hauptamtlich in die Politik. Als politische Rednerin setzte sie sich für Frauenrechte ein und bekämpfte früh den Nationalsozialismus.
Im Frühjahr 1933 war für Johanna Kirchner Widerstand keine neu zu erörternde Frage, sondern Fortsetzung einer politischen Lebensgeschichte und der sie prägenden Ideale und Utopien. Da sie gefährdet war, rieten ihr vertraute Genossinnen und Genossen zur Emigration. Ausschlaggebend war, dass Emigration nicht Flucht bedeutete, sondern einen geschützten Ort, der Widerstandstätigkeit dem Zugriff der nationalsozialistischen Verfolgungsorgane entzog. Widerstandstätigkeit in Frankfurt am Main bedurfte der Unterstützung von draußen. Johanna Kirchner war für diese Aufgabe auch geeignet, weil sie kritischen Situationen gewachsen war. Am 2. Mai 1933 hatte sie die Mitgliederkartei der Frankfurter SPD, in ihrer Bluse verborgen, aus dem Parteibüro im Gewerkschaftshaus, den SA-Posten freundlich zulächelnd, in Sicherheit gebracht.

Johanna Kirchner und ihre Tochter Lotte während eines Besuchs Lottes im französischen Exil 1938, zeitgenössische Fotografie


Johanna Kirchner ging in das Saarland und begann ihre Tätigkeit in Saarbrücken. 1935, die stimmberechtigte Bevölkerung des Saarlandes hatte sich mit 90,4 % für den Anschluss an Deutschland entschieden, richtete sie eine Flüchtlingsberatungsstelle in elsässischen Forbach, an der Grenze zum Saarland, ein. Die Betreuung politischer Emigranten war ein wichtiger Teil der Arbeit, aber auch Verschleierung weiterer Tätigkeiten: Das Sammeln von Nachrichten aus dem Reich, vor allem aus Frankfurt, Berichte an die SOPADE, Informationen für Widerstandsgruppen, Herstellung „illegaler Schriften“, Weiterversand der „Sozialistischen Aktion“, die aus Prag kam, vor allem nach Frankfurt am Main. Johanna Kirchner gehörte zu einer Delegation von SPD und KPD, die in die südfranzösischen Zentren der Emigration reiste und über die Situation in Deutschland berichtete. Die Zusammensetzung der Delegation illustrierte bereits das Anliegen: die Überwindung der Gräben zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten im Widerstand. Die „Rote Hilfe“ unterhielt ebenfalls eine Beratungsstelle in Forbach. 1938 kam Lore Wolf, die mit Johanna Kirchner seit langen Jahren befreundet war.
Johanna Kirchners erwachsene Töchter Lotte und Inge, die weiterhin in Frankfurt wohnten, besuchten ihre Mutter mit dem Fahrrad. Die „Familienbesuche“ dienten dem Transport von Materialien nach Frankfurt und der Überbringung von Nachrichten und Informationen aus Frankfurt.
1937 wurde Johann Kirchner ausgebürgert. 1939 musste sie Forbach auf Anordnung der französischen Polizei verlassen. 1940, mit dem deutschen Angriff auf Frankreich, verließ sie Paris und schlug sich nach Südfrankreich durch. Ihr Versteck bei einem katholischen Priester im nicht besetzten Teil wurde verraten. Der Gestapo gelang die Verhaftung. 1943 verurteilte der Volksgerichtshof sie zu 10 Jahren Zuchthaus. Vor Gericht stand sie als Johanna Schmidt. Nach der Scheidung von Karl Kirchner 1926 hatte sie wieder geheiratet. Der Vorsitzende Roland Freisler betrieb die Wiederaufnahme des Prozesses. Am 29. April 1944 erging nach halbstündiger Verhandlung das Todesurteil, das am 9. Juni 1944 in Berlin-Plötzensee vollstreckt wurde.

Dokumente und Erinnerungen zu diesem Beitrag:

  • Das Todesurteil im zweiten Volksgerichtshofprozess gegen Johanna Kirchner
  • Lotte Schmidt über ihre Besuche bei ihrer Mutter Johanna Kirchner im Saarland
  • Lotte Schmidt über die Begegnung mit ihrer Mutter Johanna Kirchner im Frankfurter Polizeigefängnis
  • Lore Wolf über ihre Begegnung mit Johanna Kirchner im Gefängnis Berlin-Moabit
  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Jürgen Steen, Historisches Museum  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003