Paul Müller über die „Gleichschaltung“ des ZdA am 2. Mai 1933

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Am frühen Morgen des 2. Mai 1933 fahre ich übelgelaunt mit der Tram in die Stadt zum Büro. Voll Widerwillen habe ich beim hastigen Frühstück die Radiosendungen gehört; sie sind ein einziges Triumphgeschrei über das „wunderbare Bekenntnis des deutschen Arbeiters am 1. Mai zu Adolf Hitler“. Die Tram-Fahrgäste scheinen von diesem Taumel noch immer erfaßt. Die Straßenbahner werden gelobt, weil sie gestern uniformiert und in geschlossener Formation mitmarschiert sind. Ich denke an unsere gestrige geheime Maifeier mit den jungen Genossen und werde innerlich etwas ruhiger.
Punkt 8 Uhr betrete ich das Verbandshaus. Das Personal ist vollzählig, bis auf den Gauleiter Hans Meyer und einen Sekretärkollegen. Mein Büro liegt neben dem großen Schalterraum für das Publikum. Ein moderner Kassenschrank steht hellrot meinem Schreibtisch gegenüber. Zufrieden denke ich, daß da nicht mehr viel Geld drin ist. Etwa um halb neun wird die Tür meines Büros aufgerammt (sie hatte außen keine Klinke). Flankiert von zwei SA-Leuten erscheint ein stattlicher Mann in voller Parteimontur, schmettert ein strammes „Heil Hitler“ und tritt, bevor ich mich erheben kann, vor meinen Schreibtisch. Er erklärt mich für verhaftet. Der Verband werde durch die NSBO übernommen.
Mich irritiert das verhaltene ironisch-fröhliche Grinsen des Mannes. Dann erkenne ich ihn wieder: „Das ist doch der Etsch!“ Der ist doch, gleich mir, im „Frankfurter Jugendring“ (einer freien Vereinigung der Jugendverbände) als Vertreter des „Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes“ (DHV) und von dessen Jugendorganisation Fahrende Gesellen im Vorstand. Eduard Wambach heißt er, ist ein „Zünftiger“, ein „Wandervogel-Typ“. Wie in diesen Gruppen üblich, duzen wir uns. (...)
„Bitte den Kassenschrank öffnen!“ Ich mache es spannend und spiele Theater, suche nervös und zunächst erfolglos die Schlüssel. Drohung: „Ich lasse den Schrank aufbrechen!“ Ich finde die Schlüssel in einer Schublade, öffne Schrank und die Kassette. Ein paar müde Mark liegen drin. Ich murmele etwas von Mitgliederschwund und Unterstützungsauszahlungen.
„Mein“ Kommissar verläßt das Büro. Ein SA-Mann bleibt als Wache zurück – und da erkenne ich auch diesen wieder. Es ist ein Mitglied unseres ZdA, Angestellter der AOK, wo er für uns in seiner Abteilung die Beiträge kassiert. Oft kam er zu mir, um abzurechnen. Wir sind allein, er hockt vor mir und sagt, unsicher und etwas verlegen: „Na ja!“ Ich: „Na, du Arschloch!“ Seine Antwort ist schnell und aufklärend: „Bei euch mußt‘ mer ja sei, sonst war mer arweitslos!“ Dann erzählt er mir seine Geschichte: Seit etwa Mitte 1930 ist er arbeitslos. Im „Generalanzeiger“ liest er ein Inserat – die AOK sucht Karteiführer. Er meldet sich beim Personalchef, wird eingestellt mit dem Hinweis: vorbehaltlich der Zustimmung des Betriebsrates. Von diesem wird er befragt: „Sind Sie Mitglied des ZdA?“-„Nein“ – „Sind Sie Mitglied der SPD?“ – „Nein!“ – „Dann können wir Sie leider nicht einstellen!“ – „Da bin ich halt in den ZdA und die SPD eingetrete!“ (Er war damals schon Mitglied der NSBO.)
Wambach hat sich im Büro unseres Gauleiters Hans M. installiert, bestellt die anwesenden Sekretäre zu sich. Ihnen wird die Übernahme durch die NSBO eröffnet. (...) Dann Personalversammlung, Bekanntgabe der Übernahme durch die NSBO, kommissarische Leitung, vorläufig alle weiterarbeiten, Sabotage wird streng bestraft. Gegen Abend wird die Haft für alle Verhafteten aufgehoben.

Aus: „Wir wollten die Welt verändern“. Stationen im Leben eines Altsozialisten, Frankfurt am Main 1987, S. 82 f.

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