Gertrud Liebig über die Bedeutung des Widerstands, Verhaftung und Untersuchungshaft 1934

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Der heimliche Fortbestand der Gruppe nach der Auflösung der Gewerkschaften war für mich ganz unmittelbar politisch wichtig. Die Diskussionen, die den 1. Mai 1933, den Autobahnbau oder die Erfolge in der Überwindung der Massenarbeitslosigkeit entlarvten, hatten eine immunisierende und stabilisierende Funktion. Dies war für mich wichtiger als die Herstellung von Flugblättern. Ich habe aber das Flugblatt für die Frankfurter Polizei getippt. Die Schreibmaschine stand bei einem Bekannten, der Text kam irgendwoher. Die Gruppe übte auch das Verhalten bei Verhören. Angst vor Entdeckung hatte ich nicht, eher großen Optimismus, daß schon alles gutgehen werde.
Am 5. Oktober 1934 klingelte es morgens gegen 6.00 Uhr an der Wohnungstür. Ich öffnete noch im Pyjama, vor mir standen zwei Polizisten vom Revier: „Heil Hitler! Hast du eine Schwester?“ „Ja, die Ria...“ „Hast du noch eine Schwester, die Gertrud heißt?“ „Das bin ich!“ Die Verhaftung ging nicht lautlos ab. Mein neun Jahre älterer Bruder beschimpfte die Polizisten: „Jetzt verhaftet ihr auch schon Kinder!“ Vom Revier brachte mich ein Polizist zum Klapperfeld. Er fragte mich, ob ich Geld hätte, wenn nicht, müßten wir laufen. So bezahlte ich für die Polizisten die Tram zum Untersuchungsgefängnis. Es folgten vier Monate Haft in einer Einzelzelle.
Die erste Erfahrung war die des Unterschieds zwischen den alten Wärterinnen und den neueingestellten Hilfswärterinnen. Der sprunghaft gestiegene Bedarf der Nazis an Gefängnisraum hatte die Zahl der Hilfswärterinnen bedeutend vermehrt. Die alte Wärterin Ba. begrüßte mich mit dem Aufschrei: „Jetzt schicken sie uns schon die Kinder!“ Bi. weckte mich bei Nachtverhören: „Engelchen, wach auf...“ Die Hilfswärterin R. schikanierte und schimpfte ununterbrochen. Mich verhörten die Gestapobeamten W. und R. Sie brüllten, aber sie prügelten nicht. Eine Freundin ist während der Verhöre geschlagen worden.
Ich hatte für die „Rote Hilfe“ gesammelt. Die Kasse stand zu Hause. Als die Gestapo fragte, hatte ich mir die Antwort bereits überlegt. Nicht zu widerlegen war, daß ich das Geld für mich gespart hatte. Bei der Durchsuchung der Wohnung fand die Gestapo auch den Umschlag von „Eine Frau erlebt den roten Alltag“. Das Buch hatte ich verliehen. Ich sagte aus, das Buch hätte ich im Mai 1933 auf dem Römerberg ins Feuer geworfen.
Die Isolation in der Einzelzelle war schlimm. Oft wurde ich beim Hofgang vergessen. Ich begann mit Kamm und Butterbrotpapier Musik zu machen. Mit der Genossin in der Zelle über mir unterhielt ich mich durch Klopfzeichen. Ich war sehr deprimiert als keine Antwort mehr kam, weil sie entlassen worden war. Bald nach mir wurde Ria eingeliefert. Die machte einen Riesenkrach, als sie die bleiche Schwester sah. Ich litt noch später unter der Vorstellung, ich sei viel zu lieb und angepaßt gewesen. Die Prostituierten in ihrer Frechheit und Direktheit imponierten mir. Ich dachte noch lange nach dem Prozeß gelegentlich, ich müsse noch einmal ins Gefängnis und mich dann entschiedener zur Wehr setzen.

Bericht Gertrud Liebig, Historisches Museum

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