Paul Grünewald über Verhaftung, Sippenhaft und die Zeit nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald

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Das erste Verhör fand nachts statt. Als sich die Zellentür öffnete, stand vor mir ein alter Bekannter von der Schule in SA-Uniform. Er ließ mich vor dem Verhörzimmer stehen und sprach drinnen mit dem Gestapokommissar R. Mir ist erst später gedämmert, daß ich hätte weglaufen können. Drinnen sprach der SA-Mann für mich. Während des Verhörs merkte ich schnell, daß R. überhaupt nichts wußte. Er blieb sehr allgemein. Ich bestritt, mich „staatsfeindlich“ verhalten oder gehandelt zu haben. R. meinte zum Schluss, ich würde wohl am nächsten Morgen entlassen. Daraus wurde nichts, weil bis dahin Belastungsmaterial da war. Jetzt begann das eigentliche Verhör. R. fühlte sich verarscht. Er brüllte und drohte mit Prügel und Folter. (...) Wichtig war, was die Gestapo herausfand. Daß ich Adjutant bei der HJ gewesen war, blieb ihr unbekannt. Das Verhalten bei Verhören hatten wir vorher geübt. Roter Faden war, nur zuzugeben, was unabweisbar war.

In der Untersuchungshaft in der Hammelsgasse sah ich den HJ-Führer Kramer wieder. Der war wegen Homosexualität verhaftet worden. In Preungesheim, im Jugendarrest, lag die obere Altersgrenze bei 25 Jahren. Preungesheim war völlig überbelegt, in Einzelzellen hockten durchweg zwei Häftlinge. Die Zellengenossen wechselten häufig. 1936 wurde ich mit einer beträchtlichen Zahl an Häftlingen nach Zweibrücken verlegt. Aus dem Jugendtrakt war ich der einzige. Wahrscheinlich hatte der Gefängnislehrer sich auf diese Weise an mir gerächt. In Preungesheim gab es viermal in der Woche Schulunterricht und zur Freude der anderen hatte ich den Lehrer immer wieder in politische Diskussionen verstrickt und seine Meinungen widerlegt.

Mein Vater, Beamter und Sozialdemokrat, wurde zwei Tage nach meiner Verurteilung fristlos entlassen, weil die Verurteilung des Sohnes die Treue zum nationalsozialistischen Staat in Zweifel stelle. Im Wohnbezirk an der Eschersheimer Landstraße begann ein regelrechtes Kesseltreiben der Nazis gegen meine Eltern. Mein Vater erwarb schließlich ein Grundstück in Oberursel und baute dort ein Häuschen, wobei er sich stark verschuldete.

In der Firma, in der ich am 1. November 1940 eingestellt wurde, kam der Abteilungsleiter in SA-Uniform zum Dienst. Bis zum Jahresende war er u.k. gestellt. Der Chef fragte mich bereits bei der Einstellung, ob ich mir den Abteilungsleiterposten zutraue, der jetzige Abteilungsleiter „dürste sicherlich nach dem Fronteinsatz“. So wurde ich zum Jahresbeginn 1941 Abteilungsleiter.

Bericht Paul Grünewald 1983, Historisches Museum

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