„Wir sind mit dieser Vergangenheit noch nicht fertig“. Mahnmal für die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Frankfurt am Main

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Frankfurt am Main begann sich Ende der Fünfzigerjahre seiner braunen Vergangenheit zu erinnern. Im Sommer 1959 rückte die Vollendung der Gräberanlage mit Ehrenmal für Opfer des Nationalsozialismus auf dem Hauptfriedhof näher, das Mahnmal für die NS-Opfer an der Paulskirche war beschlossene Sache und für die Ausgestaltung des Portikus der kriegszerstörten Stadtbibliothek an der Obermainbrücke zu einer Gedenkstätte für die Luftkriegstoten lag ein prämierter Architektenentwurf vor. Nachdem sich die Mitglieder des Magistrats von der Notwendigkeit, außer dem abgelegenen Ehrenmal auf dem Hauptfriedhof ein weiteres publikumswirksameres Mahnmal für die Opfer des Nazi-Terrors im Zentrum der Stadt aufzustellen, hatten überzeugen lassen, beauftragte der zuständige Dezernent, Hans Kampffmeyer, das Stadtplanungsamt mit der Suche nach einem geeigneten Standort. Frühzeitig kristallisierte sich unter den in die engere Wahl gezogenen Örtlichkeiten an der Untermainbrücke, auf dem Rathenauplatz und an der Paulskirche die Position an der Berliner Straße als die beste Lösung heraus. Am 24. Februar 1958 erklärte der Magistrat vorbehaltlich der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung die Paulskirche zum Standort für das geplante Mahnmal und regte die Ausschreibung eines unbeschränkten Wettbewerbs zur Gestaltung der Gedenkstätte an – dann geriet das Vorhaben ins Stocken.

Einweihung des Mahnmals an der Paulskirche mit Oberbürgermeister Willi Brundert (li.), 24. Oktober 1964.


Endlich, am 25. Juni 1959, beschloss das Stadtparlament die Verwirklichung des Mahnmals und die Auslobung eines engeren Wettbewerbs. „Die Erinnerung an die Mitbürger“, so die Begründung der Magistrats-Vorlage M 129, „die im Dritten Reich in ihrem Widerstand gegen den Nazi-Terror, nur ihrem Gewissen folgend, Not und Entbehrung und oft sogar den Tod einem bequemen Leben unter dem Willkür-Regime vorgezogen haben, hat in weiten Kreisen der Frankfurter Bürgerschaft den Wunsch zur Errichtung eines Mahnmals für deren Opfer hervorgerufen“. Um dem Monument zu größtmöglicher Beachtung zu verhelfen, sollte es zwischen den beiden nördlichen, zur belebten Berliner Straße gelegenen Anbauten der Paulskirche zur Ausführung kommen. Die Aura der Paulskirche verlieh dem Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft trotz des lärmenden Großstadtverkehrs einen würdigen und historisch bedeutsamen Rahmen.
An neun führende deutsche Bildhauer erging eine Einladung zur Teilnahme an dem engeren Wettbewerb für die Gestaltung des Mahnmals, darunter Bernhard Heiliger aus Berlin und der Frankfurter Hans Steinbrenner. Das Preisgericht trat am 21. Juni 1960 in der Paulskirche zusammen, wo es vom Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Werner Bockelmann, begrüßt wurde. Der Bildhauer und Schöpfer der Hiob-Bronzefigur auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, Gerhard Marcks, Baudirektor Ferdinand Kramer, der Leiter der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Max Meyer, und 13 weitere Jurymitglieder mussten sich unter 14 eingereichten Entwürfen entscheiden. Nach mehrstündigen Beratungen erhielt der Entwurf des Münchner Bildhauers Hans Wimmer, der eine kniende Gestalt darstellte, den Zuschlag. Die Preisrichter hatte überzeugt, wie Wimmer die Plastik und das Gebäude zueinander in Beziehung setzte. Außerdem würdigten sie die „Bescheidenheit und die saubere menschliche Haltung, mit der der Verfasser das Thema darstellt“. Der Jury zufolge brachte die ihre gefesselten Hände zum Himmel hebende Figur aus Muschelkalk nicht nur die „Unterworfenheit der Menschen unter den Terror“, sondern auch „ein Sichauflehnen bis zuletzt“ zum Ausdruck. Abschließend legten die Juroren der Stadt nahe, zum Gedenken an die Opfer unter der jüdischen Bevölkerung und allgemein an den Holocaust die Namen der „Leidensstätten des Nationalsozialismus“ am Sockel des Mahnmals einzumeißeln.
Die Stadtverordnetenversammlung billigte am 15. Dezember 1960 die Entscheidung der Jury für Hans Wimmer und den Vorschlag zur Beschriftung des Sockels. Im Frühjahr 1961 stellte das Stadtparlament 126.000 D-Mark zur Finanzierung des Vorhabens bereit und verrückte den Standort des Mahnmals an den Pfeiler des westlichen Treppenhausvorbaus der Paulskirche. Da Hans Wimmer für die Anfertigung des geforderten Gipsmodells im Maßstab 1:2 bis in den Spätherbst 1962 brauchte, konnte die Lieferung der Steinblöcke für die Figur und für den Sockel erst nach der Winterpause der Steinbrüche im Frühjahr 1963 erfolgen. Mit der Fertigstellung des Mahnmals für die Opfer des Nazi-Terrors in Frankfurt am Main war nun erst im Herbst 1964 zu rechnen.

Kranzniederlegung für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, 20. Juli 1967


Das Amt für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bat die Jüdische Gemeinde in Frankfurt bei der Recherche der „Leidensstätten des Nationalsozialismus“ um Unterstützung. Das Vorstandsmitglied der Gemeinde, Franz Unikower, erklärte sich bereit, eine Liste der Hauptlager anzufertigen. Der Rechtsanwalt übersandte Anfang Juli 1963 der Kulturbehörde eine Liste mit den Namen von 25 Hauptlagern. Daraufhin holte das Frankfurter Hauptamt beim Institut für Zeitgeschichte in München ein zweites Gutachten ein, so dass auf dem Sandsteinsockel des Mahnmals schließlich von Auschwitz bis Westerbork in alphabetischer Reihenfolge 53 Namen der wichtigsten Konzentrations-, Arbeitserziehungs- und Internierungslager sowie von Ghettos eingemeißelt wurden. Trotz sorgfältiger Vorbereitung unterlief beim „erweiterten Polizeigefängnis“ und Arbeitserziehungslager Riga-Salaspils ein Schreibfehler, der Jahre später auf dem Sockel verbessert werden musste. Unter den genannten Stätten des Leidens findet sich auch das französische Internierungslager Gurs im Departement Basses-Pyrenees, in dem 1942 die Frankfurter Sozialdemokratin Johanna Kirchner vom Vichy-Regime vor ihrer Auslieferung an Nazideutschland festgehalten wurde.
Oberbürgermeister Willi Brundert (SPD) enthüllte am 24. Oktober 1964 in einer schlichten Feierstunde das Mahnmal für die Opfer des Nazi-Terrors in Frankfurt am Main. Nach der Ansprache des Oberbürgermeisters trat Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Kraft ans Mikrofon, eine aufrüttelnde Rede zu halten, in deren Verlauf er vor dem Hintergrund des am 20. Dezember 1963 im Römer eröffneten und im Haus Gallus fortgesetzten ersten Auschwitz-Prozesses ausrief: „Die Mörder sind heute noch unter uns!“ Weiter warnte Kraft mit berechtigter Sorge: „Wir sind mit dieser Vergangenheit noch nicht fertig“ – in der Folgezeit sollte das Mahnmal an der Paulskirche wiederholt mit Hakenkreuzen und Nazi-Parolen beschmiert werden. Im Anschluss an die Redner legten am 24. Oktober 1964 Vertreter der „Union deutscher Widerstandskämpfer- und Verfolgtenverbände“, des „Zentralverbands Demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgtenorganisationen“ und der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ Kränze nieder. Bis heute wird Jahr für Jahr am Mahnmal für die Opfer des Nazi-Terrors in Frankfurt am Main der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 mit Kranzniederlegungen gedacht.


Literatur und Quellen
  • ISG, Magistratsakten 2296

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Mahnmal für die Opfer des nationalsozialistischen Terrors, Paulskirche;  

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