Anlernwerkstätte und „Berufsumschichtung“

Druck

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 stellten immer weniger nichtjüdische Handwerker und Unternehmer jüdische Jugendliche als Lehrlinge ein, zugleich stieg aber die Nachfrage (auch aus dem Umland) nach Ausbildungsplätzen, weil die sonstigen Ausbildungsmöglichkeiten durch die antijüdischen Maßnahmen immer stärker eingeschränkt wurden. Von der inzwischen gegründeten „Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe“ (deren Träger die Jüdischen Gemeinden, das Palästina-Amt, der Preußische Landesverband und später auch die Reichsvertretung der deutschen Juden waren) wurde daraufhin eine betriebsunabhängige „Anlernwerkstätte“ gegründet. Ein leerstehendes größeres Fabrikgebäude in der Fischerfeldstraße 13 wurde gemietet, eingerichtet, mit Maschinen ausgestattet und entsprechende Fachlehrer angeworben. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde ein Internat eingerichtet, das für die auswärtigen Schüler neben Wohnung und Essen auch religiöse Betreuung und Kurse in jüdischen und allgemeinen Fächern anbot.

Lehrlinge an der Stechuhr in der Anlernwerkstatt, um 1935.

Schusterwerkstatt, um 1935


Eine Liste der Schüler des Schuljahrs 1934/35 enthält 44 Namen. Die Absolventen waren zwischen 17 und 36 Jahren alt. Acht von ihnen kamen aus der Region (von Marburg bis Darmstadt), einer war promoviert. Von den 44 Männern sind mindestens 30 ausgewandert, davon ca. 20 nach Palästina. Die Anlernwerkstätte diente somit vor allem einer schnellen Qualifikation in praktischen Berufen, mit der die Absolventen nach der Auswanderung etwas anfangen oder in Deutschland minderqualifizierte Arbeit ausüben konnten, nachdem sie durch Berufsverbote und sonstige Ausgrenzungen arbeitslos geworden waren. Von den NS-Behörden wurde diese Entwicklung planvoll als „Berufsumschichtung“ gefördert.

Titelblatt einer Broschüre zur Anlernwerkstatt, um 1935

Werkstatt für Metallverarbeitung





Für die hauswirtschaftliche Ausbildung der Mädchen war die „Jüdische Haushaltungsschule“ verantwortlich, die landwirtschaftliche Grundausbildung für Auswanderer „Hachscharah (Vorbereitungslager)“ fand auf Landwirtschaftsschulen außerhalb statt.
Im Sommer 1938 wurden alle jüdischen Jugendlichen aus den sieben gewerblichen Berufschulen in Frankfurt herausgeworfen und auf die Anlernwerkstätte bzw. die kaufmännische Tagesklasse der Samson Raphael Hirsch-Schule aufgeteilt. Wie die meisten jüdischen Einrichtungen wurde die Anlernwerkstätte nach dem Novemberpogrom von 1938 geschlossen, dann aber unter städtischer und Gestapoaufsicht weitergeführt. Ihre Situation und die damit verbundenen Absichten der NS-Behörden gehen aus einem Bericht des Schulamts vom 24. April 1939 hervor (zitiert aus: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden, S. 464):
„In Frankfurt/M bestehen seit Jahren Schuleinrichtungen, die die Juden zum Zweck des Auswanderns vorbereiten. So ist … die jüdische Anlernwerkstätte eingerichet worden, in der Juden in einfachen Holz- und Metallarbeiten ausgebildet und Personen anderer Berufsschichten umgeschichtet werden. Sie werden dadurch zum Auswandern vorbereitet.
Die Anlernwerkstätte war im November vorigen Jahres vorübergehend geschlossen. Sie ist jedoch erneut wieder in Betrieb genommen und der Jüdischen Wohlfahrtspflege, die von Herrn Schwarz kommissarisch geleitet wird, verwaltungsmäßig unterstellt. Technischer Leiter ist Gewerbelehrer Beling. Ferner wird eine Anzahl Werkmeister beschäftigt.
Außerdem haben wir einer Anzahl jüdischer Personen den Erlaubnisschein zur Erteilung von Unterricht an Juden in Kochen, Schneidern, Nähen, Putz und dergleichen ausgestellt, die Juden zum Zwecke des Auswanderns vorbereiten.
Dadurch wird in Frankfurt/M den ministeriellen Richtlinien, daß die Auswanderung von Juden zu fördern ist, Rechnung getragen.“

Nach Kriegsbeginn und dem Ende der Auswanderungsmöglichkeiten wurde die Anlernwerkstätte zunehmend in das System der Zwangsarbeit integriert, wie der Bericht des Beauftragten der Gestapo bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege, Ernst Holland, vom 22. Oktober 1941 bezeugt:
„… Diese ehemalige Berufsfachschule hat sich jetzt vollständig auf werteschaffende Lohnarbeit für deutsche Betriebe umgestellt. Sie unterhält aus den Erträgnissen das ihr angeschlossene Jugendheim Fischerfeldstraße 13 und hat in der Zeit seit dem 1.6.41 einen Überschuß von 14192,44 RM erzielt.“
Von den Deportationen, deren erste kurz vor Hollands Bericht mehr als 1100 Frankfurter Juden in das Ghetto in Lodz geführt hatte, blieben auch die Schüler der Anlernwerkstätte nicht verschont. Nach der dritten Deportation im Sommer des Jahres 1942 gab es keine Auszubildenden mehr, die Schule wurde geschlossen.


Literatur
  • Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945, hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt 1963, S.116, 213, 241, 323f., 318, 464, 471f.
  • Rachel Heuberger/Helga Krohn, Hinaus aus dem Ghetto …, Juden in Frankfurt am Main 1800–1950, Frankfurt am Main 1988, S. 181f.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Zentrale für Jüdische Wohlfahrtspflege;   Jüdische Gemeinde;  

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Ernst Karpf, Jüdisches Museum  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 02.09.2005