Dokument: Bericht eines SA-Sturmbannführers über die Deportation vom 19. Oktober 1941

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Der Führer des SA-Sturmbanns III/63 an die SA-Standarte 63, 21. 10. 41.

Die Männer der Standarte 63 waren befehlsgemäß am 19.10. 41 morgens 5.30 Uhr am Palmengarten angetreten in Stärke von 180 Mann. Bevor ich an Obersturmbannführer Schultze eine Meldung erstatten konnte, war derselbe bereits am Antreteplatz und erklärte mir, daß er sich um Sta. [Standarte] 63 nicht weiter kümmere, anscheinend war er aus einem mir unbekannten Grunde verärgert. Nach Stärkefeststellung ließ ich, auf Grund des mir von Obersturmbannführer Rieke in der Besprechung vom 17. 10. 41 gegebenen Befehls, durch den Sturmführer Brand dem ObStbf. Schultze die Stärke der angetretenen Männer melden. ObStbf.[Obersturmbannführer] Schultze gab dem Stf. [Sturmführer] Brand zu verstehen, ob kein größerer SA-Führer der Standarte da wäre! Ich bemerke hiermit besonders, daß Stf. Brand nicht als Führer der Standarte gemeldet hat, sondern als Melder einen Befehl auszuführen hatte. Ich ließ die Männer der Standarte einrücken, nachdem ich vorher durch Obstf. [Obersturmführer] Hinkelmann die Platzverhältnisse im Saal hatte feststellen lassen. Der Einmarsch erfolgte ohne Störung und in voller Ruhe. Nach der Ansprache des Kreisleiters Schwebel, der die anwesenden SA-Männer, SS-Männer und Politischen Leiter mit der Aufgabe des Tages vertraut machte, sprach der Leiter der Aktion, ein Sturmbannführer der Gestapo. Dieser machte dann genauere Angaben, und es wurde uns die Vielseitigkeit der in Betracht kommenden Tätigkeit vollkommen klar. Am Ende seiner Erklärungen gab er bekannt, daß die Führer der Gliederungen an die links und rechts des Saales aufgestellten Tische zum Empfang der Umschläge mit den Formularen gehen sollten. Ich nahm von einem Tisch sämtliche Umschläge, gab darüber dem Gestapobeamten Quittung und verteilte die Umschläge sofort an die Führer der Sturmbanne. Für Sturmbann 1 erhielt Stf. Brand dieselben, da Obstf. Vornberg noch nicht anwesend war. Ich ließ dann noch einige Männer des Sturms 2 zum Ortsgruppenleiter Röser gehen, da derselbe noch Umschläge zur Verteilung hatte. Ebenso holte sich Obstf. Werkhäuser von einem anderen Tisch noch weitere Umschläge. Ich drängte dann zum Abmarsch, damit die Männer bis 7 Uhr an den Wohnungen der Juden waren. Nach dem Abmarsch begab ich mich mit einigen SA-Führern zur Kontrolle der Aktion in das Stadtgebiet. Hierbei stellte ich fest, daß die Männer, die den verschiedensten Berufen angehören, nun momentan eine juristische Tätigkeit ausübten. Die Aufgabe wurde allenthalben gelöst. Ich halte es jedoch für angebracht, bei einer weiteren Aktion die in Betracht kommenden Männer vorher mit der Materie vertraut zu machen. Bei vielen Wohnungen war es erforderlich, mehr als zwei Mann abzustellen, da die räumlichen Verhältnisse für zwei Mann zu verzweigt gewesen sind. Abhilfe ist in diesen Fällen von mir getroffen worden. Die für jede Wohnung zur Verfügung stehenden zwei Gestapoleute ließen sich oftmals erst nach Stunden sehen. Anrufe bei der Befehlsstelle brachten keine Abhilfe. Ein großer Übelstand war, daß in den Wohnungen unsere SA-Männer bereits seit Stunden mit der Evakuierung fertig waren und der Gestapomann zum Versiegeln der Wohnung sich nicht blicken ließ. Auch die angetroffene Auseinanderreißung von Familien, die laut Anordnung nicht vorkommen sollte, hat in einigen Fällen zu unnötigem Aufenthalt und unnötigen Rückfragen geführt. Wäre die Schlußhandlung der Gestapo (Wohnungsversiegelung) stets schnellstens da gewesen, so wäre es nicht vorgekommen, daß in der Großmarkthalle eine gähnende Leere bis gegen 13 Uhr gewesen wäre und sich dann die dortige Abwicklung bis in die Nacht ausgedehnt hätte. Es steht fest, daß unsere Männer die Arbeit gut und schnellstens durchgeführt haben, wenn dann die Erledigung der soweit fertigen Arbeit in der Großmarkthalle so schleppend vor sich ging, so ist dieses nicht die Schuld der SA-Männer; es hat aber zur Verlängerung beigetragen und darf bei einer neuen Aktion nicht vorkommen. Eine Einteilung nach Ortsgruppen und in diesem Verfolg nach den in Betracht kommenden Stürmen halte ich für ordnungsgemäßer. Daß der SA-Mann trotz der zutage getretenen Schwierigkeiten bei einem neuen Aufruf sofort zur Stelle ist, steht außer Zweifel.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Akten der SA-Standarte 63 / Frankfurt a.M.

Aus: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden, S. 509ff.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  SA-Gruppe Hessen;   Deportation;  

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