Juden und jüdisches Leben in Frankfurt nach der Befreiung 1945

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Als am 29. März 1945 die US-Armee Frankfurt besetzte, befreite sie damit auch etwa 160 Menschen, die nach nationalsozialistischer Klassifizierung als Juden gegolten hatten und von der letzten Deportation im vorausgegangenen Monat verschont geblieben waren. Bereits am 1. April konnten die Gläubigen unter ihnen an einem ersten Gottesdienst teilnehmen. Zu der von den Amerikanern eingesetzten provisorischen neuen Stadtverwaltung gehörte auch die „Jüdische Betreuungsstelle der Stadt Frankfurt am Main“, die zunächst von August Adelsberger geleitet wurde und vor allem die drängendsten materiellen Probleme (Essen, Wohnung, Kleidung) ihrer Klientel zu lösen hatte, zu der bald auch eine Gruppe von illegal sich aufhaltenden polnischen Juden gehörte. Das erste Gemeindezentrum mit kleinem Betsaal entstand im Baumweg 5–7, dem ehemaligen Oppenheimerschen Kindergarten.
Bis zum Sommer waren einzelne Überlebende aus den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Bergen-Belsen hinzugekommen, und im Juli kehrten aus Theresienstadt 362 jüdische Menschen nach Frankfurt zurück – der überlebende Rest von mehr als 3000, die die Gestapo aus Frankfurt dorthin verschleppt hatte. Wegen des großen Wohnungsmangels wurden sie zunächst im halbzerstörten ehemaligen jüdischen Krankenhaus in der Gagernstraße untergebracht. Unter ihnen war auch der letzte Rabbiner der alten Frankfurter Gemeinde, Leopold Neuhaus, der alsbald die Leitung der städtischen Betreuungsstelle übernahm. Es kam nun zur Gründung einer jüdischen Kultusgemeinde, der allerdings nur diejenigen beitreten konnten, die nach den Definitionen des jüdischen Religionsgesetzes auch Juden waren. Ein von der Frau des Rabbiners verfasster Artikel im Mitteilungsblatt der neuen Gemeinde verdeutlicht das Bemühen um ein Wiederanknüpfen an Frankfurter Traditionen (zitiert nach Kugelmann, Befreiung, S. 448):
„Der kleine Rest der überlebenden jüdischen Menschen der altehrwürdigen, in der Welt berühmt gewesenen Gemeinde Frankfurt am Main schickt sich an, ein Gemeindeleben neu aufzubauen, aus den Zerstreuten eine Einheit herzustellen, eine ,jüdische Gemeinschaft‘. Wer begrüßt uns? … Die Toten der großen Gemeinde Frankfurt am Main, die nicht mehr die Befreiung aus Gefahr erleben konnten, den Glanz, die Zusammengehörigkeit, den Geist der Frankfurter Judenheit; sie grüßen uns und wir gedenken ihrer in der Verpflichtung gegen sie, diesen ,Geist‘ nicht zu vergessen, damit wir vor ihm bestehen können.“
Da alle Synagogengebäude bis auf das der Westendsynagoge vernichtet waren, wurde dort im September 1945 mit der Wiederweihe ein Zeichen des Neubeginns gesetzt.

Artikel der „Frankfurter Rundschau“ vom 13.9.1945 zur Wiederweihe der Westendsynagoge

Gedenkstein für die Synagoge am Börneplatz, 20.3.1946


Mitglieder der Jüdischen Gemeinde bei der Gedenkfeier für die zerstörten Synagogen auf dem Börneplatz, 20.3.1946

Doch die durch den nationalsozialistischen Terror bewirkten Zerstörungen waren zu groß, um nahtlos an alte Strukturen anknüpfen zu können. Als ein Zentrum der amerikanischen Besatzungszone wurde Frankfurt Drehscheibe einer Einreise- und Auswanderungsbewegung, die zwischen 1945 und 1949 überlebende Juden vor allem aus Osteuropa nach Übersee in eine neue Heimat führte. Für diese Gruppe, Displaced Persons genannt, errichteten die Amerikaner in Frankfurt-Zeilsheim ein eigenes Lager. Die hier Untergebrachten wurden nicht von der Frankfurter Betreuungsstelle versorgt, sondern unterstanden der UNRRA, der Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen. Als sich die Frankfurter Gemeinde um Leopold Neuhaus weigerte, diese Gruppe in ihre Strukturen aufzunehmen, gründeten die Lagerbewohner das „Frankfurter Jüdische Komitee“ als Teil des „Zentralkomitees der befreiten Juden in der Amerikanischen Zone“.

Im DP-Lager Zeilsheim, 1946

Mitgliedsausweis von Lotte Zweig für die Jüdische Gemeinde Frankfurt, 1947


Erst 1949, als die große Auswanderungsbewegung langsam verebbte und mit Rabbiner Neuhaus ein Teil der Frankfurter Kultusgemeinde seinerseits ausgewandert war, taten sich beide Gemeinden (mit ca. 2000 Mitgliedern insgesamt) zusammen und bildeten gemeinsam die neue Frankfurter Jüdische Gemeinde.

Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, 2003

Während des Kalten Krieges ließen sich jüdische Flüchtlinge aus Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und Polen in Frankfurt nieder. Seit 1989 kamen zahlreiche Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion hinzu. Heute zählt die Jüdische Gemeinde Frankfurt knapp 7.000 Mitglieder.


Literatur
  • Cilly Kugelmann, Befreiung – und dann? Zur Situation der Juden in Frankfurt am Main im Jahr 1945, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“, Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945 (Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17), Frankfurt am Main 1999, S.435–456

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Wiedereinweihung der Westend-Synagoge;  
Institutionen/Orte/Begriffe:  Lager Zeilsheim;   Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 07.08.2009