Kinderauswanderung und Kindertransporte

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Ein Teil der durch die NS-Politik bedrohten Juden konnte sich vor Kriegsausbruch durch Emigration aus dem Reichsgebiet ins Ausland retten. Eine besondere Form dieser Auswanderung war die Verschickung von Kindern und Jugendlichen bis etwa 16 Jahren. Als Waisen oder getrennt von ihren Eltern und älteren Geschwistern gelangten vor allem in der Zeit vom 9. November 1938 („Reichskristallnacht“) bis zum Frühjar 1940 auf diese Weise etwa 20.000 jüdische Kinder in Pflegefamilien oder Heime in verschiedenen Länder Westeuropas und Amerikas.
Dass auf diese Weise wahrscheinlich etwa ein Drittel der 1938 im Deutschen Reich lebendenden jüdischen Kinder vor späterer Ermordung gerettet werden konnte, entsprang aber nicht einer einheitlichen Aktion, sondern war das Resultat von sehr unterschiedlichen, oft auf individuellem Engagement beruhenden Initiativen diesseits und jenseits der Grenzen. Einen genaueren Überblick über die aus Frankfurt selbst ausgewanderten Kinder und ihre Bestimmungsorte hat die Geschichtsforschung auch aus diesem Grunde bisher nicht entwickeln können.
Die Staaten, um deren Hilfe jüdische und nichtjüdische Hilfsorganisationen und Initativen sich bemühten, hatten gegenüber der Aufnahme von jüdischen Kindern meist prinzipiell gleiche oder ähnliche Bedenken wie die gegenüber Erwachsenen oder ganzen Familien mit dem Resultat, dass – wenn überhaupt Hilfe angeboten wurde – die Bedingungen meist sehr einschränkend waren. Dennoch konnte sich die politische Reaktion auf die Hilfsersuchen deutlich von einander unterscheiden. Eine besonders positive Rolle spielte England, das mit ca. 10.000 allein etwa die Hälfte der insgesamt verschickten Kinder aufgenommen hat. Die Regierung hatte realisiert, dass ihre Appeasement-Politik gescheitert war, und mußte zudem wegen ihrer Mandatsherrschaft über Palästina ihre Verantwortung für die jüdische Auswanderung dorthin und deren politische Folgen bedenken. Eine großzügigere Aufnahme der bedrohten Kinder in England selbst konnte den Auswanderungsdruck auf Palästina mildern. Solange die Hilfsaktion zugunsten der Kinder den Staat nichts kostete, war er bereit Einreisegenehmigungen auf relativ unbürokratische Weise zu erteilen. So konnte über eine große Werbeaktion in den Zeitungen angesichts einer durch den Terror des Novemberpogroms aufgeschreckten Öffentlichkeit genügend privates Geld für die Unterbringung einer großen Zahl Kinder in Pflegefamilien oder Heimen zusammengebracht werden.
Daraufhin begannen die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland die Zusammenstellung der Transporte zu organisieren. Dem NS-Regime kam zu diesem Zeitpunkt noch die Ausreise von Juden (nach kompletter Ausplünderung) gelegen, es erleichterte die bürokratischen Vorschriften und beauftragte die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ mit der Durchführung. Eine Abteilung „Kinderauswanderung“ koordinierte die Arbeit in den einzelnen jüdischen Gemeinden, die unter dem Stichwort „Kindertransport“ Beratung der Eltern bzw. Heimleiter, Anmeldung der Kinder, Korrespondenz mit dem Ausland und schließlich die Organisation der Reise nach England übernahmen. Die jüdischen Helfer steckten dabei häufig in einem Dilemma: In England unterschied man zwischen „garantierten“ und „nicht garantierten“ Hilfszusagen. Erstere bedeuteten Plätze in Pflegefamilien (die sich vor allem möglichst kleine Kinder wünschten), letztere von Hilfsorganisationen bereitgestellte Heimplätze, deren Zahl aber stark begrenzt wurde. Der Bedarf an diesen war aber andererseits besonders hoch, da zunächst vor allem halbwüchsige Jungen vor einem unmittelbar bevorstehenden Zugriff des NS-Regimes gerettet werden mussten.
Hatten Familien nach langem Warten Glück, mussten sie noch allerlei Formalitäten erledigen, wie aus der Standardbenachrichtigung der Jüdischen Wohlfahrtspflege für Karl Robert Würzburger deutlich wird (zitiert nach Helga Krohn, „Holt sie raus“, S. 109 mit Anm. 50):
„Betr. England-Transport am 24.8.39
Wir teilen Ihnen hierdurch mit, dass Ihr Kind/Kinder Karl unter Permit-Nr. 9418 zu dem nächsten England-Transport am 24.8.39 eingeteilt ist/sind. Es wird der Zug 7.57 Uhr ab Frankfurt a.M. benutzt. Treffpunkt ist 7.15 Uhr am Blumenladen in der Haupthalle des Frankfurter Hauptbahnhofes. Das Handgepäck ist dort zusammenzustellen; es wird in unserem Auftrage von einem Gepäckträger in das Coupé befördert. Jedes Kind muss einen Pass, bezw. Kinderausweis mit sich führen. Für das Passagiergut sind 2 Listen anzufertigen, die von der zuständigen Devisenstelle abzustempeln sind. Die Listen müssen mit folgendem Text überschrieben werden: ›Für Teilnehmer an dem Kindertransport der Jüd. Wohlfahrtspflege Frankfurt am Main am 24.8.39 nach England‹. In der Anlage übersenden wir Ihnen (eine Bescheinigung zur Vorlage bei den Behörden, durchgestrichen) und eine Anweisung der Transportleitung. Das Gepäck muss 1 Tag vor Abgang des Transports zollfertig gemacht und aufgegeben werden. Die hierzu nötige Fahrkarte ist/sind am 23.8.39 bei uns entgegenzunehmen. Jedes Gepäckstück sowohl Handgepäck als Passagiergut ist mit einem Anhänger der Reichsbahn zu versehen. Auf der Rückseite des Anhängers ist in Blockschrift und mit Rotstift der Name und die Permit-Nummer des Kindes zu schreiben.“
Auch wenn mit einem solchen Schreiben Hoffnung auf Rettung verbunden war, blieben die psychischen Belastungen sehr hoch. Die Eltern wussten oder ahnten doch wenigsten, dass die Abreise der Kinder wahrscheinlich eine endgültige Trennung bedeutete, die Kinder mussten die Trennung und einen Neuanfang in einer ihnen völlig unbekannten Umgebung verkraften.
In Frankfurt organisierte die Jüdische Wohlfahrtspflege die Ausreise aus ganz Südwestdeutschland unter der Leitung von Martha Wertheimer, die auch z.T. die Kinder nach England begleitete und in einem Brief an Siegfried Guggenheim vom 23. 7. 1939 darüber folgendes berichtete (zitiert nach Becker, „… das Leben in die Tiefe kennengelernt…“, S. 199):
„Wir beginnen unsere Arbeit um 11 Uhr des ersten Tags und beenden sie um 14.30 Uhr am folgenden! Denn es ist eine Einwanderung von jedesmal ca. 120 Kindern, die wir mitbringen und die wir dem Arzt und den Einwanderungsbeamten einzeln vorzustellen haben. Nach diesem Dienst haben wir 2 Tage Gastfreundschaft in einem elenden kleinen Hotel, das uns das Komité bezahlt, kein Geld als unsere 17 Shillinge, die wir mitnehmen dürfen, und jedes Telefongespräch ist ein Opfer, geschweige denn Metropolitanfahrten (…). Am 3. Tage fliege ich dann schon wieder zurück, weil ich schon wieder einen neuen Transport vorzubereiten habe. Es geht ja bei mir um alle Süddeutschen und Südwestdeutschen Kinder, die zur Verschickung kommen.“

Die beiden drei und fünf Jahre alten Schwestern Ruth und Liesel Hess konnten am 15. November 1938 mit einem Kindertransport aus Frankfurt nach Holland entkommen. Am folgenden Tag erschien dieses Foto unter der Überschrift „Geflüchtet vor den deutschen Pogromen“ in einer holländischen Zeitung mit dem Text: „Unter der Kindergruppe von deutschen Kindern, die liebevoll im Waisenhaus zu Naarden aufgenommen wurden, sind auch zwei Schwestern. Hier in der ,Kubel‘, in den sicheren Mauern dieses Zufluchtsortes, sind sie unerreichbar für die Männer aus dem Pogrom-Land.“ (zitiert nach Krohn, „Holt sie raus…“, S. 104, Foto aus: Gooi-en Eemlander vom 16.11.1938, Zeitungsausschnitt von Ruth Levi, geb. Hess.

Artikel von Martha Werheimer, „Jüdisches Nachrichtenblatt“, 5.1.1939, er bezieht sich wahrscheinlich auf den Transport von 100 Kindern am 4.1.1939 in die Schweiz. Der Text musste wie alle Druckerzeugnisse der Zeit die NS-Zensur antizipieren und konnte daher die Dinge nicht wirklich beim Namen nennen.


Aber nicht nur das Engagement von Martha Wertheimer für die Rettung jüdischer Kinder lassen die Quellen erkennen, sondern auch das des Ehepaars Isidor und Rosa Marx, seit 1918 Leiter der Israelitische Waisenanstalt in Frankfurt.
Seit 1935 wurden dort die Folgen der NS-Verfolgung spürbar: Kinder aus anderswo aufgelösten Heimen, Kinder völlig verarmter Eltern oder Kinder von Eltern, die diese nicht länger der judenfeindlichen Atmosphäre in umliegenden Dörfern und Kleinstädten aussetzen wollten, fanden nun zusätzlich zu den Waisen im Heim Unterkunft und Nahrung. Das Ehepaar Marx begann Ausreisemöglichkeiten für seine Kinder in verschiedene Länder (Frankreich, USA, Palästina, Schweiz, Belgien, Niederlande, England) zu erkunden und, wo möglich, zu organisieren.

Rosa Marx, Leiterin der Israelitischen Waisenanstalt

Isidor Marx, Leiter der Israelitischen Waisenanstalt

Aus Frankfurt konnte eine Gruppe von Kindern aus dem Waisenhaus im Röderbergweg mit Hilfe eines französischen Kinderhilfswerkes nach Frankreich entkommen. Die orthodox lebenden Kinder sind an den Kopfbedeckungen zu erkennen. Die Fotografie von 1939/40 zeigt eine Geburtstagsfeier für den Heimleiter Ernst Papanek im Heim Eaubonne bei Montmorency


Isidor Marx ist nach der Begleitung eines Kindertransports auf Bitten seiner Frau im sicheren England geblieben, Rosa Marx wurde 1942 aus Frankfurt deportiert und kam ums Leben. Etwa 1000 Kinder sind durch das Engagement des Ehepaars gerettet worden, etwa genauso viele wurden 1942 aus Frankfurt nach Osten deportiert und sind dort umgekommen.


Literatur
  • Helga Krohn, „Holt sie raus, bevor es zu spät ist!“. Hilfsaktionen zur Rettung jüdischer Kinder zwischen 1938 und 1940, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945 (Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17), Frankfurt am Main 1999
  • Helga Krohn, Vor den Nazis gerettet. Eine Hilfsaktion für Frankfurter Kinder 1939/40, Frankfurt am Main 1995
  • Hanna Becker, „… das Leben in die Tiefe kennengelernt …“. Martha Wertheimer und ihr Wirken nach der „Kristallnacht“, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945 (Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17), Frankfurt am Main 1999, S. 187–210

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Zentrale für Jüdische Wohlfahrtspflege;   Jüdisches Kinderheim;   Kindertransporte;  

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