Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße

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1914 ist das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße neu erbaut worden und wurde zum modernsten Krankhaus der Stadt. Ausgelegt für 200 Betten hatte es Abteilungen für innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie, Hals-, Nasen-, Ohren- und Augenkrankheiten.

Luftaufnahme des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde

Krankenschwestern, Ende der 20er Jahre im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde


Röntgenstation im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde, Ende der 20er Jahre

Behandlungszimmer im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde, Ende der 20er Jahre


Wegen seiner guten Ausstattung war es auch für nichtjüdische Patienten attraktiv. Über die Veränderungen, die ab 1933 durch die NS-Judenpolitik in der Klinik ausgelöst wurden, berichtet Willy Mainz 1946 (Dokumente, S. 249f.):
„Für das große Krankenhaus in der Gagernstraße entstanden viele neue Probleme. Zunächst wurde die Belegung dadurch stärker, daß das städtische Wohlfahrtsamt jüdische Patienten nicht mehr in die städtischen Krankenanstalten einwies, sondern in das jüdische Krankenhaus. Bisher waren Juden nur auf besonderen Wunsch dem jüdischen Krankenhaus zugeteilt worden, da die Stadt daran interessiert war, zunächst ihre Anstalten zu belegen. Auch begüterte Kreise, die bisher das städtische Krankenhaus mit seinen Universitätsprofessoren gegen entsprechend hohe Bezahlung vorgezogen hatten, fanden allmählich die Atmosphäre dort nicht mehr geeignet und suchten im Bedarfsfall jetzt das Krankenhaus der Gemeinde auf. Angesehenen jüdischen Ärzten wurden die Vereinbarungen, die sie mit nichtjüdischen Krankenhäusern (Rotes Kreuz, Vaterländischer Frauenverein u.a.) hatten, gekündigt, und sie waren nunmehr darauf angewiesen, ihre Patienten ausschließlich in das jüdische Krankenhaus zu legen. Um diesen Ärzten die Behandlung ihrer Patienten zu ermöglichen, war es erforderlich, mit den Chefärzten der verschiedenen Abteilungen, denen auf Grund ihrer Verträge bestimmte Rechte zustanden, eine Regelung zu treffen. Da hierzu auch die Genehmigung des nationalsozialistisch geleiteten Allgemeinen Ärzteverbandes notwendig war, mußte dieselbe eingeholt werden. Der ärztliche Dezernent des Vorstandes hatte in diesen Angelegenheiten wiederholt überaus schwierige Verhandlungen mit dem Ärzteverband zu führen. Für die zunehmende Inanspruchnahme des Krankenhauses mußten die erforderlichen Räume bereitgestellt werden…“
Entsprechende Um- und Anbauten wurden bis 1938 ausgeführt, zugleich musste die Krankenhausverwaltung sich darum bemühen, ausgewanderte Chefärzte zu ersetzen. Trotz der widrigen Umstände konnte das Krankenhaus aber bis Ende 1938 seinen religiösen Verbindlichkeiten nachkommen: „Dank der Bemühungen aller zuständigen Instanzen der Gemeinde war es möglich, das gesamte Krankenhaus bis zum Jahre 1939, wie bisher, vollständig einwandfrei rituell zu führen.“
Der Novemberpogrom von 1938 und seine unmittelbaren Folgen traf auch das Krankenhaus: Die Krankenhauskasse und Gelder der Ärzte wurden von der Gestapo beschlagnahmt (und später z.T. wieder freigegeben, Dokumente, S. 327). Zwar wurden die Krankenhausärzte, anders als frei praktizierenden Ärzte, zumeist nicht verhaftet (Dokumente, S. 44), doch der Direktor, Dr. Rosenthal, vergiftete sich aus Angst davor. Wegen der Schließung der Zentrale für Schächtwesen blieben die Lieferungen koscheren Fleisches aus, sodass die Krankenhausküche geteilt wurde: Die rituell geführte Hauptküche kochte nun ohne Fleisch, in einer nichtrituellen Küche wurden Fleischgerichte zubereitet, dabei „… wurden alle Vorkehrungen getroffen, daß in allen sonstigen Belangen der Charakter des Krankenhauses als jüdisches Krankenhauses gewahrt blieb.“ Als die freien Ärzte nach ihrer Haftentlassung aus den Konzentrationslagern zurückkehrten, untersagte ihnen das NS-Regime, in der eigenen Wohnung/Praxis zu praktizieren. Einem Teil wurden Ausweichräume in Gebäuden der jüdischen Gemeindeverwaltung im Westend, einem anderen Teil solche im Krankenhaus Gagernstraße zugewiesen.
Der „Judenvertrag“ vom 3. April 1939, in dem die Stadt sämtliche Liegenschaften der Jüdischen Gemeinde erwarb, geht auch auf das Krankenhaus ein: (Dokumente, S. 259) „Ganz besonders dringend ist der Erwerb des jüdischen Krankenhauses an der Gagernstraße, um es noch für drei Jahre für die Aufnahme jüdischer Kranken zu verwenden.“ Im Frühjahr 1940 verschärfte das NS-Regime die Lage, wie aus dem Bericht des Beauftragten der Geheimen Staatspolizei, Ernst Holland, hervorgeht (Dokumente, S. 458): Im Krankenhaus lagernde Nahrungsmittel, die das Jüdische Winterhilfswerk zwei Jahre zuvor besorgt hatte, wurden beschlagnahmt, 20 Menschen, die im Krankhaus als Pensionäre eine Unterkunft gefunden hatten, herausgeworfen, die rituelle Küche (die durchschnittlich für zehn Personen gekocht hatte) geschlossen und Patienten, die weiterhin koscher leben wollten, in das Hospital der Georgine Sara von Rothschildschen Stiftung am Röderbergweg 97 verlegt. Vom Personal des Krankenhauses wurden mehr als 40 Personen abgezogen und anderen (Zwangs-)arbeitsstellen zugewiesen.
Ein Jahr später meldet der Gestapobeauftragte weiteren Vollzug in der Ausplünderung und Ghettoisierung der jüdischen Krankenversorgung (Dokumente, S. 463f.): „Nachdem das Krankenhaus Röderbergwerg 97 auf Veranlassung der Reichsvereinigung mit dem Krankenhaus Gagernstr. 36 zusammengelegt und für das Kinderhospital Röderbergweg 109 eine Weiterbewilligung von Mitteln von der Reichsvereinigung abgelehnt wurde, besteht für die Jüdische Gemeinde Frankfurt/M. jetzt nur noch ein Krankenhaus in der Gagernstraße. Die zusammenhängenden Liegenschaften Röderbergweg 97 und 109 und Rhönstr. 50 sind vom Bauamt, Raum und Quartierbeschaffung als Hilfskrankenhäuser sichergestellt. Durch Zusammenlegen der Krankenhäuser und Einrichtung einer Abteilung für Alte und Sieche beim Krankenhaus Gagernstraße 36 wurde eine weitgehende Raumausnutzung dieser Liegenschaft erzielt.“
Drei Monate später gibt es eine weitere „Erfolgsmeldung“ des Beauftragten (Dokumente, S. 471): „Die zur Verfügung stehende Bettenzahl ließ sich durch Hinzuziehen des Betsaales und einiger anderer Änderungen in der Stellung der Betten von 324 um 49 auf 373 erhöhen. Ende September 1941 war das Krankenhaus belegt mit 120 Patienten, mit 128 Alten und Siechen, zusammen 248. Buchmäßig ist erstmals ein Überschuß (RM 9247,57) erzielt worden.“ Das Krankenhaus wird nun auch als Altersheim genutzt, später wird die ehemalige rituelle Küche in eine Notstandsküche umgewandelt, und die Wäscherei übernimmt die Versorgung der verbliebenen Altersheime. Das Krankenhaus wurde mit dem Beginn der großen Deportationen in die Vernichtungslager für etwa ein Jahr immer mehr zum letzten Refugium jüdischer Wohlfahrtsaktivitiäten. Im Herbst 1942 war die Liquidierung durch das NS-Regime abgeschlossen (Dokumente, S. 491f.) „Bis auf die ehemalige Israelitische Waisenanstalt, Röderbergweg 87, sind im 4. Vierteljahr 1942 sämtliche Jugend- und Altersheime und das Krankenhaus Gagernstraße 36 aufgelöst worden und die Einrichtungsgegenstände, auch die der Gemeindeverwaltung, der Jüdischen Wohlfahrtspflege, des ehemals Rothschild’schen Krankenhauses, Röderbergweg 87, und des Jüdischen Friedhofs, Eckenheimerlandstraße, verwertet worden.“

Das durch Bomben zerstörte Gebäude des ehemaligen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde, 1945


Das Hospital zum Heiligen Geist wurde neuer Eigentümer. Nach 1945 wurde ein Teil des durch Bomben zerstörten Krankenhauses provisorisch repariert und als Heim für Überlebende aus dem Konzentrationslager Theresienstadt genutzt. In den fünziger Jahren befanden sich in den erhaltenen oder wiederhergestellten Teilen des Krankenhauses das Altersheim und der Kindergarten der Gemeinde sowie Wohnungen für Gemeindemitglieder. Zwischen 1973 und und 1977 wurden die Gebäude des Krankenhauses abgerissen und durch das heutige Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde mit Alten- und Pflegeheim, Altenwohnanlage und Synagoge ersetzt.

Literatur
  • Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945, hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt am Main 1963

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  • Ernst Karpf, Jüdisches Museum  

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