Martha Wertheimer

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Martha Wertheimer, um 1937 in Berlin

Die Pädagogin, Journalistin und Schriftstellerin wurde am 22. Oktober 1890 in Frankfurt geboren. Ihr Vater, Beerdigungskommissar Julius Wertheimer, war ursprünglich vom Lande zugewandert. Seine berufliche Karriere begann er als Lohndiener und Trödler und beendete sie als Kultusbeamter für das Bestattungswesen in der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft. Die ebenfalls vom Lande zugewanderte Mutter Johanna betrieb ein Schneideratelier auf der Zeil. Auf diesem bürgerlichen Fundament konnte Marthas moderner Bildungsweg aufbauen: Sie besuchte zunächst die Höhere Mädchenschule der Israelitischen Religionsgesellschaft (Samson Raphael Hirsch-Schule), wechselte dann zur Elisabethenschule (Gymnasium), um anschließend das Lehrerinnenseminar zu absolvieren. 1911 wurde sie an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften (ab 1914 Frankfurter Universität) immatrikuliert. Das Studium der Geschichte, Philosophie und englischer Philologie beendete sie mit einer Dissertation über Friedrich den Großen und Voltaire. Damit gehörte sie zu den ersten, die an der neuen Universität 1917 promoviert wurden.
Ihre ältere Schwester Lydia, mit der sie auch später meist zusammenlebte, arbeitete als Sekretärin von Richard Merton, dem späteren Vorstandsvorsitzenden der Frankfurter Metallgesellschaft. Der Bruder Emil fiel als junger Soldat in der Champagne. Martha schlug nach Kriegsende keine akademische, sondern eine journalistische Laufbahn ein. Ab 1919 arbeitete sie als Redakteurin für die liberale „Offenbacher Zeitung“, schrieb in fast allen Sparten und engagierte sich politisch dabei vor allem für das Frauenwahlrecht. Als Frau mit ganz vielseitigen Interessen – so war sie neben ihrem intellektuellen, politischen und kulturellen Engagement z.B. eine begeisterte Fechterin – bildete sie um sich einen weiten Bekannten- und Freundeskreis von Schriftstellern, Künstlern, Lehrern, Rechtsanwälten, Sportlern usw. Das Bild einer selbstbewußten, auf Autonomie bedachten und den neuen Möglichkeiten ihrer Zeit aufgeschlossenen Frau wird abgerundet durch literarische Versuche neben ihrer Zeitungsarbeit, durch gelegentlicher Mitarbeit beim neuen Medium Radio (Südwestdeutscher Rundfunk, Vorläufer des Hessischen Rundfunks) und durch den Umzug (1931) aus dem Oederweg (Nordend) in die Heimatsiedlung, Unter den Kastanien 1 – eine Mustersiedlung des Neuen Frankfurt in Sachsenhausen mit Zentralheizung, Warmwasser, Frankfurter Küche, Wintergarten. Diese Entwicklung wirkte sich auch auf ihre religiöse Orientierung aus. Zweifel an ihrem Judentum, die Abkehr von der Orthodoxie und der Kontakt zu Franz Rosenzweig führten sie in den Kreis des Offenbacher liberalen Rabbiners Max Dienemann.
Die nationalsozialistische Machtergreifung vom Januar 1933 zeigte auch für Martha Wertheimer alsbald ihre verheerenden Wirkungen. Noch im selben Winter wurde sie von der „Offenbacher Zeitung“ entlassen, ihr Redaktionskollege Paul Trutzenberg erinnerte sich später an die Umstände (Brief an Siegfried Guggenheim vom 24.2.1954, zitiert nach Becker, „…das Leben“, S. 192 f.):
„Leider mußte sie aus bekannten Gründen … ihre Stellung in unserem Hause aufgeben. Ich hatte seinerzeit die unangenehme und undankbare Aufgabe, über diesen Punkt persönlich mit ihr zu sprechen. Dies geschah in ihrer reizenden Wohnung im Frankfurter Siedlungsviertel. Die Aussprache war sehr verbindlich, umso mehr, als Frau Dr. Wertheimer und ich uns weltanschaulich außerordentlich gut verstanden … Eine großzügige Abfindung seitens meiner Firma verhalf ihr zunächst über den größten Schmerz hinweg, so daß sie für die erste Zeit keine wirtschaftlichen Sorgen hatte. Nach der gemeinsamen, im besten Einvernehmen verlaufenden Aussprache habe ich persönlich keinerlei Fühlungnahme mit Frau Dr. Wertheimer mehr gehabt…“
Diese willkürliche Ausgrenzung aus dem bisherigen Arbeitszusammenhang und den damit verbundenen sozialen Beziehungen war der Beginn einer Entwicklung, die Martha Wertheimer immer mehr auf ihre jüdischen Verbindungen einschränkte. Im April 1933 trat sie in die Redaktion des vielgelesenen „Israelitischen Familienblattes“ ein und schrieb dort über religiöse Fragen, jüdisches Selbstverständnis und Kultur, Fragen der Auswanderung allgemein und insbesondere der Ausbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in Palästina einwandern wollten. In einer Glosse zur Abreise einer befreundeten Familie mit Neugeborenem wird die Hoffnung auf Palästina und die stille Resignation angesichts des drohenden Unheils in Deutschland deutlich (Israelitisches Familienblatt vom 26.10.1933, zitiert nach Becker, „…das Leben“, S. 194):
„Wer wirst du sein, kleiner Jude, wenn du aufwächst und zu reden beginnst und lernen darfst und stark sein sollst an Gliedern und Gedanken? Jude im heiligen Land … Ein kleiner Jude mehr ist in der Welt. Er bleibt nicht hier. Er fährt übers Meer, Karmel und Libanon werden auf sein Bettchen heruntersehen, Palmen und Orangenhaine werden über ihm rauschen. Es sind Tausende wie du in der Welt. Und jedes dieser winzigen Stimmchen ist uns ein Anruf, den wir mit dem Bekenntnis unserer eigenen Art und unseres Judeseins beantworten müssen. Wir bleiben hier. Wir gehen still den Weg, den wir gehen sollen, aber wir wissen von deiner kleinen Stirn das Leuchten der Verpflichtung Israels…“
1936 kam der nächste Schlag. Martha und Lydia Wertheimer mussten ihre Wohnung in der Heimatsiedlung räumen, da dort ab sofort nur noch „arische“ Mieter geduldet wurden. Martha verließ anschließend Frankfurt und ging für ihre Zeitung nach Berlin, wo sie die Chefredaktion („Hauptschriftleitung“) übernahm. Neben ihrer journalistischen und schriftstellerischen Arbeit engagierte sie sich im Jüdischen Kulturbund, der Lesungen und Kabarettveranstaltungen organisierte, besonders aber in der Jugendarbeit. Sie übernahm Funktionen im „Makkabi“, der jüdischen Sport- und Jugendorganisation, und half bei der „Hachschara-Ausbildung“ (Vorbereitung für die Siedlung in Palästina) auf Höfen in der Mark Brandenburg.
Ende 1937 unternahm sie im Auftrag ihrer Zeitung eine mehrwöchige Reise nach Palästina, wo sie eingewanderte Frankfurter besuchte. Obwohl sie sich als Zionistin verstand, fuhr sie nach Berlin zurück, weil sie hier ihre Aufgabe in der Vorbereitung der Jugend für die „Alija“ sah.
1938 kehrte sie nach Frankfurt zurück und nahm mit der Schwester eine kleine Wohnung im Westend (Beethovenstraße). Die Redakteurinnenstelle hatte sie aufgegeben und bereiste nun ganz Süddeutschland als Propagandistin für die Zionistische Vereinigung. Viele ihrer Freunde waren bereits emigriert, so auch der Kunstsammler und Vorsitzende der Offenbacher Jüdischen Gemeinde, Siegfried Guggenheim, dem sie in der Folge zahlreiche Briefe (wegen der Gestapo-Zensur mit z.T. nur verschlüsselten Nachrichten) nach New York schrieb, die als fast einzige Quelle Auskunft über ihren letzten Lebensabschnitt geben können.
Den Pogrom vom 10–11. November 1938 („Reichskristallnacht“) erlebte sie in Frankfurt, unmittelbar anschließend half sie in der Israelitischen Waisenanstalt bei der Betreuung der sich plötzlich verdoppelnden Kinderzahl aus. Später übernahm sie die Leitung der gesamten Jugendfürsoge im Rahmen der Jüdischen Wohlfahrtspflege, wobei insbesondere die Kindertransporte ins rettendende Ausland zu organisieren waren – eine Arbeit, die sie zunächst aus Pflichtbewusstsein annahm: „Harte Arbeit, weil sie ideenlos ist, weil sie nur ein ,sauve qui peut’ für ein paar darstellt …“ (Brief vom 11.3.1939, zitiert nach Becker, „…das Leben“, S.197), aber dann sehr engagiert fortführte und dabei mehrfach Kindertransporte nach England begleitete.
Die Angst vor der sich stets verschärfenden Verfolgung brachte sie schließlich dazu, auch für sich und ihre Schwester auf Emigration zu setzen. Eine Möglichkeit, in England Zuflucht zu finden, zerschlug sich aber, weil Lydia als langjähriger Mitarbeiterin bei der kriegswichtigen Metallgesellschaft zuvor der Pass entzogen worden war.
Martha setzte ihre Arbeit für die Jüdische Wohlfahrtspflege fort: „Die Arbeit? Die gleiche wie im Sommer: ich versuche Kinder zu verschicken, und zur Zeit geht es nur noch nach U.S.A. Viel Arbeit, aber doch auch wieder lohnend. Ich betreue das Waisenhaus wie seither, und da wächst die Arbeit mit immer neu dazukommenden Pflichten, ich mache viel Außendienst in der Fürsorge und bin in der Abteilung Wohlfahrtspflege – wir gehören jetzt zur Gemeinde – so eine Art Nothilfe.“ (Brief vom 2.4.1940 an Guggenheim, zitiert nach Becker, „…das Leben“, S. 200). Neben dieser Arbeit engagierte sie sich nun auch stärker im religiösen Leben und übernahm im Geiste des liberalen Judentums als Frau auch Funktionen, die bisher Rabbinern vorbehalten waren – 1935 hatte Max Dienemann Regina Jonas als erste deutsche Rabbinerin ordiniert.
Nach einer vorübergehenden Verhaftung Lydias und einem Verhör Marthas durch die Gestapo 1940 setzten die Schwestern noch einmal all ihre Hoffnung auf Emigration – vergeblich, da sich weder die USA zur Aufnahme bereit erklärten noch der Transit nach Schanghai möglich wurde. Am 6. Mai 1941 wurde Martha bei einem Angriff englischer Bomber durch eine Splitterbombe am Bein schwer verletzt, die Wohnung und ihr Eigentum waren zerstört, das Geld wurde immer knapper. Nach längerer Genesungszeit übernahm sie wieder pädagogische Aufgaben: In einer Sonntagsschule unterrichtete sie junge Juden, die zur Arbeit zwangsverpflichtet waren, in der Anlernwerkstatt die Zöglinge in Judentumskunde (Geschichte und Brauch) und Gegenwartskunde (Kolonisation und Wanderung). Ende 1941 wurden die Schwestern aus ihrer neuen Wohnung in der Mendelssohnstraße 55 („arisiert“ zu Joseph-Haydn-Straße) herausgeworfen und mussten in das „Judenhaus“ oder „Ghettohaus“ Fürstenbergerstr. 167 einziehen.
Wegen ihrer Position in der Jüdischen Wohlfahrtspflege zwang die Gestapo Martha Wertheimer zur Mitarbeit bei der Organisation der Judendeportationen nach Osten. Sie selbst und ihre Schwester wurden für den dritten Transport eingeteilt, der am 11. Juni 1942 etwa 1000 Frankfurter Juden nach Osten brachte, von denen keiner überlebte. Als der vorgesehene jüdische Transportleiter ausfiel, erhielt Martha diese Aufgabe. In Lublin wurden die Menschen von der SS selektiert, die arbeitsfähigen Männer kamen nach Majdanek, der Rest wahrscheinlich in das Vernichtungslager Sobibor. Möglicherweise ist Martha Wertheimer dem Tod in der Gaskammer durch Selbstmord zuvorgekommen.

Literatur
  • Hanna Becker, „… das Leben in die Tiefe kennengelernt …“. Martha Wertheimer und ihr Wirken nach der „Kristallnacht“, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945 (Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17), Frankfurt am Main 1999, S. 187–210;
  • Hanna Becker, Martha Wertheimer, in: Frankfurter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon, hg. von Wolfgang Klötzer, bearb. von Reinhard Forst und Sabine Hock, 2. Bd, Frankfurt 1996, S. 552–553, mit Bibliographie ihrer Werke.
  • Fritz Bauer Institut (Hg.), Martha Wertheimer, „In mich ist die große dunkle Ruhe gekommen“: Briefe an Siegfried Guggenheim in New York. Geschrieben vom 27.5.1939 - 2.9.1941, Frankfurt am Main 1996, 2. Aufl.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Israelitische Religionsgesellschaft;   Israelitische Waisenanstalt;   Zentrale für Jüdische Wohlfahrtspflege;   Anlernwerkstätte;   Frankfurter Metallgesellschaft AG;   Alijah;   Hachscharah (Vorbereitungslager);  

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  • Ernst Karpf, Jüdisches Museum  

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