Die Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts – ihre Geschichte nach 1938

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Die ausschließlich für jüdische Begünstigte errichteten Stiftungen wurden nach dem Novemberpogrom von der Stiftungsabteilung der Stadtverwaltung gedrängt, ihre Erträge dem städtischen Beauftragten für die jüdische Wohlfahrtspflege abzuliefern (Dokumente, S. 142–144).
Nicht zuletzt auf Betreiben der Frankfurter Stadtverwaltung (Dokumente, S. 134–136, 153) wurde schließlich die Frage der jüdischen und paritätischen Stiftungen durch einen Erlass des Reichsinnenministers vom 8. Mai 1939 abschließend geregelt (Dokumente, S. 154–157):
„1. Vorhandene Stiftungen von Juden für fördernswerte sachliche Zwecke (z.B. zur Vergebung von Stipendien für eine wissenschaftliche Forschung) können bestehen bleiben; jedoch sind im Wege einer Satzungsänderung der etwaige jüdische Stiftungsname und jegliche jüdische Mitwirkung bei der Verwaltung der Stiftung zu beseitigen.“
„2. (...) Stiftungen von Juden, die ausschließlich für die jüdische Bevölkerung bestimmt sind“, können weiterbestehen, sofern sie „der Förderung der jüdischen Auswanderung oder der Fürsorge für hilfsbedürftige Juden oder der Unterhaltung jüdischer Wohlfahrts-, Krankenhaus- und Schuleinrichtungen dienen.“
„3. Gegen den Fortbestand vorhandener Stiftungen von Juden ausschließlich für deutsche Volksgenossen bestehen keine Bedenken, jedoch ist zu veranlassen, daß im Wege einer Satzungsänderung der etwaige jüdische Stiftungsname beseitigt wird, und daß fortan die Verwaltung der Stiftung ausschließlich in Händen deutscher Volksgenossen liegt.“
„4. Der unveränderte Fortbestand von Stiftungen (…), deren Mittel satzungsgemäß sowohl für deutsche Volksgenossen als auch für Juden ausgesetzt sind (paritätische Stiftungen) kann künftighin nicht mehr gutgeheißen werden. (…) Den Vorständen solcher paritätischer Stiftungen ist von stiftungsaufsichtswegen nahezulegen, die Satzung in der Weise zu ändern, daß aus der Stiftung nur noch deutsche Volksgenossen betreut werden; erforderlichenfalls wäre dies unter Anwendung von § 87 Abs. 1 BGB zu erzwingen.“ (...)
„Soweit Ausländer als Stifter oder Schenker in Frage kommen oder satzungsgemäß dem Stiftungsvorstand angehören (…), müssen für die Entscheidung im Einzelfall die besonderen außenpolitischen Erwägungen bedacht werden. In diesen Fällen ist daher jeweils dem Auswärtigen Amt Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.“
Dieser Erlass lehnte sich an die Frankfurter Überlegungen an, verschärfte sie aber deutlich im Sinne einer vollständigen „Arisierung“. Der Regierungspräsident in Wiesbaden ließ bei der Übermittlung des Erlasses an den Frankfurter Oberbürgermeister keinen Zweifel daran, die Stiftungsvorstände nötigenfalls zu den geforderten Satzungsänderungen zwingen zu wollen (Dokumente, S. 157–159).
Die 1939 noch bestehenden Stiftungen – eine Liste der städtischen Stiftungsabteilung zählte noch 65 auf – wurden nun nach und nach im Sinne des Erlasses des Reichsinnenministers „umgestellt“ (Dokumente, S. 159–161). Jüdische Vorstandsmitglieder wurden aus den paritätischen Stiftungen verdrängt und die Namen der Stifter getilgt; von einer Aufteilung – nach welcher Quote auch immer – war keine Rede mehr, ihre Erträge durften nur noch „deutschen Volksgenossen“ zukommen. Manche der Stiftungen wurden zu Sammelstiftungen mit neutralen Namen, wie z.B. Pestalozzi-Stiftung oder Universitätsstiftung, zusammengeschlossen. Die nur für jüdische Begünstigte errichteten Stiftungen, mehr als 50 Organisationen mit über 8 Millionen Reichsmark Kapital, wurden 1939/40 zwangsweise in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland eingegliedert, deren Vermögen 1943 dem Reich zufiel.
Eine Zeit lang wurde noch Zurückhaltung geübt bei Stiftungen, die von ausländischen Staatsbürgern gegründet worden waren, z.B. bei der Henry und Emma Budge-Stiftung und der Jakob H. Schiff-Stiftung (Dokumente, S. 161f.). Mit Verschärfung des Krieges 1941 fielen auch diese letzten Hemmungen; die Stiftungen wurden aufgelöst.

Literatur
  • Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Bearb. von Dietrich Andernacht und Eleonore Sterling. Frankfurt am Main 1963. S. 118–162
  • Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger, dargestellt von Gerhard Schiebler. Hg. von Arno Lustiger im Auftrag der M. J. Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1988
  • Bruno Müller: Stiftungen für Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1958

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Erlass des Reichsinnenministers über jüdische Stiftungen;  
Institutionen/Orte/Begriffe:  Stiftungsabteilung der Stadt Frankfurt;   Gemischte Stiftung;   Paritätische Stiftung;  

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  • Michael Lenarz, Jüdisches Museum  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 21.08.2003, aktualisiert am: 25.08.2005